Kapitel 9 – Die Offenbarung
Leichte Sonnenstrahlen ließen Honigblume auf ihrem Stuhl aufwachen. Trotz dem Vorfall in der Nacht fand sie doch irgendwann endlich etwas schlaf. Sie streckte sich herzhaft und blickte zu Vidsyn ins Bett. Honigblume erschrak, als sie die Schurkin dort aufrecht sitzend sah. Vidsyn blickte leer auf ihre Decke und summte vor sich hin. „Vidsyn?“, fragte Honigblume die geistesabwesende Schurkin. „Es geht gleich los.“, gab die Schurkin zurück, ohne ihren Blick von der Decke zu entfernen. Honigblume schaute sie verwirrt an. „Die Drachen… ich spüre sie… sie kommen näher.“, murmelte Vidsyn weiter. Honigblume sprang von ihrem Stuhl auf und rannte zum Fenster. Sie konnte nichts sehen, das Dorf glich noch immer einer Geisterstadt. Plötzlich öffnete sich die Zimmertür und Abraxasar betrat den Raum. „Vidsyn, wie geht es dir?“, fragte er sofort die Schurkin. Vidsyn hob ihren Kopf und blickte Abraxasar traurig in die Augen. Er ging auf die Schurkin zu und setzte sich zu ihr ans Bett. Sofort viel ihm Vidsyn um den Hals und weinte laut auf. Honigblume schaute nun noch verwirrter. Doch dem ganzen wurde noch die Krone aufgesetzt, als Abraxasar anfing in einer ungewöhnlichen Sprache mit Vidsyn zu sprechen. Die Schurkin schien allerdings jedes Wort zu verstehen, sie lauschte ihm Aufmerksam.
Honigblume schaute dem Gespräch der beiden skeptisch zu, bis eben jene durch Gebrüll unterbrochen wurden. Aus dem Fenster konnte die Priesterin dutzende Soldaten sehen, die schnell auf die Brücke des Dorfes zu rannten. Abraxasar schaute die Priesterin an und wartete anscheinend auf eine Antwort, was für den Aufruhr verantwortlich war. Doch Honigblume wich die restliche Farbe aus dem Gesicht. Von dem Fenster aus konnte sie unzählige Drachkin sehen, die mit erhobenen Waffen und lautem Getöse direkt auf das kleine Dorf zuhielten. „Wir dürfen keine Zeit verlieren! Honigblume, versammle jeden den du finden kannst im Keller dieses Gebäudes und warte dort auf Vidsyn und mich!“, rief Abraxasar der wie versteinerten Priesterin zu. Sie brauchte zwar einige Augenblicke um sich wieder zu fangen, rannte dann aber schnell aus dem Zimmer und tat, was Abraxasar ihr aufgetragen hatte. „Vidsyn, wir müssen dich an einen sicheren Ort bringen.“, sagte Abraxasar sanft und streichelte der Schurkin über die Wange. „Warum?“, fragte sie mehr oder minder entsetzt. „Weil Nefarian nur wegen dir diesen Krieg begonnen hat. Du bist weitaus wichtiger als du dir im Entferntesten vorstellen kannst.“, erklärte Abraxasar. Vidsyn war nun noch verwirrter als vorher, doch wusste sie, das Abraxasar recht haben würde. Ohne noch weiter zu warten stand sie aus dem Bett auf und lag eine notdürftige Lederrüstung an. Sie nickte dem Magier zu und zusammen gingen sie in den Keller des Gasthauses.
Honigblume hatte in der Zwischenzeit zwei dutzend Menschen, Zwerge, Gnome und Nachtelfen versammelt, die sehnsüchtig auf Abraxasar warteten. Wenn jemand eine Lösung auf diese Situation weiß, dann er. „Gut gemacht, Honigblume.“, sagte er und stellte sich vor die Zusammengewürfelte Gruppe. „Also gut, meine Freunde. Seenhain ist dem Untergang geweiht, genau so wie der Rest des einstigen Königreiches. Lord Victor Nefarian wird dieses Land brennen lassen und unsere einzige Chance zu überleben ist die alte Stadt Dalaran.“, erklärte Abraxasar und schaute in die ängstlichen Gesichter. „Moment mal, du willst nach Dalaran? Die Stadt ist nur noch ein Haufen Schrott!“, wandte Gimply ein und schaute dem Magier verwirrt in die Augen. „Dalaran ist noch immer eine mächtige Festung der Kirin Tor. Die Barriere der Stadt wird uns lange genug schützen, um Vidsyn vorzubereiten.“ Nun schauten ihn alle ziemlich verwirrt an. „Vorbereiten auf was?“, hakte Gimply nach.
Wieder wurde das Gespräch durch lautes Gebrüll unterbrochen. „Wir haben keine Zeit für lange Erklärungen, alles zu seiner Zeit. Konzentriert euch nun und schließt die Augen. In wenigen Minuten werden wir Dalaran betreten. Und zollt den dort ansässigen Magiern Respekt wenn ihr nicht als Schaf enden wollt.“, fügte Abraxasar hinzu und kramte eine seltsam leuchtende Rune aus seiner Robe.
Alle Anwesenden taten was der Magier sagte und schlossen die Augen. Abraxasar murmelte unverständliche Worte und ein seltsames Kribbeln durchfloss jeden im Raum. Ein ohrenbetäubendes Rauschen später fanden sich die Überlebenden in einem wahrlich prachtvollen Garten wieder. Blumen und Bäume so weit das Auge blicken konnte.
„Sind wir tot?“, fragte Gimply und kniff sich in den Arm. Ein verzogenes Gesicht und einige Flüche später war er sich sicher, dass sie nicht tot sind. Die meisten standen noch relativ wackelig auf den Beinen, als Abraxasar schon wieder losmarschierte. Er hielt direkt auf einen eingestürzten Turm zu, vor dem ein seltsam aussehender Mann mit einigen anderen Menschen redete. Gimply, Saba, Honigblume und Vidsyn folgten ihm langsam.
„Wie geht es dir, Vidsyn?“, erkundigte sich Honigblume bei Vidsyn, während sie neben ihr her ging. „Es war schon mal besser. Ich fühle mich, als hätte ich unter einer Brücke gelegen.“ – „Naja, fast. Du hast unter einem riesigen Steintor gelegen.“, fügte Gimply zu und handelte sich eine Kopfnuss von Honigblume ein.
Abraxasar war mittlerweile bei der Gruppe Menschen angelangt und begann sofort zu erzählen. Die kleine Gruppe postierte sich direkt hinter ihm, um zu verstehen was er sagt. Zur großen Verwunderung aller, sprangen die Magier der Kirin Tor einen Schritt zurück, als der Name ‚Vidsyn’ gefallen ist. Ein scheinbar etwas jüngerer Magier ging sofort auf die Knie und wandte seinem Blick gen Boden. Vidsyn wusste nicht so recht was geschah, sie sah nur Abraxasar verwirrt an. Dem jungen Magier taten es die anderen nun auch gleich.
Ein halbes dutzend Magier knieten vor Vidsyn nieder und keiner wusste warum.
„Was ist hier los?“, fragte Vidsyn unsicher. „Ich möchte dir die letzten Überlebenden der Kirin Tor vorstellen, Vidsyn. Der Erzmagier Ansirem Runenweber und seine Gefolgsleute.“, sagte Abraxasar und ging einen Schritt zur Seite. Ansirem stand auf und verbeugte sich tief vor der Schurkin. „Wir heißen euch in Dalaran willkommen, Königin der Klingen.“
Gimply und dem Rest der Gruppe fiel der Mund offen. Auch Abraxasar schien diesmal ein wenig Überrascht zu sein, denn er schaute Ansirem merkwürdig an. „Was? Wovon redet ihr?!“, fragte Vidsyn nach. „Wir haben auf euch gewartet. Abraxasar informierte uns bereits vor vielen Jahren über euer kommen.“, erklärte Ansirem. „Abraxasar, was geht hier vor?“, hakte die Schurkin nach, diesmal allerdings energischer. „Ja, das würde ich auch gerne wissen.“, fügte Gimply hinzu und verschränkte die kleinen Arme.
„Alles zu seiner Zeit.“, meinte Abraxasar. „Nein! Das sagst du nun schon seit Tagen! Klär uns endlich auf verdammtnochmal!“, meckerte Gimply den Magier an. Ansirem ging einen Schritt zurück und ließ die Gruppe alleine.
„Gimply, errinerst du dich noch an dem Tag, an dem ich dir sagte, dass nicht alles so ist wie es scheint?“, fragte Abraxasar und Gimply nickte. „Nun, Vidsyn ist nicht die einzige Person, die drachische Vorfahren hat.“ Honigblume schritt in das Gespräch ein. „Moment mal, was willst du uns jetzt sagen? Das es noch mehr Drachen wie Vidsyn gibt?“ – „Ich bin kein Drache!“, wetterte Vidsyn die Priesterin an.
„Leider doch, liebe Vidsyn. Du bist die Tochter Nefarians, die offizielle Erbin über den schwarzen Drachenschwarm.“, erklärte Abraxasar und schaute der Schurkin in die Augen. „Ich weiß das Nefarian mein verdammter Vater ist, aber ich werde niemals so ein abscheuliches Ding sein wie er!“, wandte Vidsyn ein. „Ich sehe, so kommen wir nicht weiter, Vidsyn. Gimply, Saba und Honigblume, kümmert euch bitte um die Mitreisenden. Sucht euch mit ihnen noch funktionierende Häuser und wartet dort auf uns. Ansirem und ich müssen mit Vidsyn reden.“
Honigblume nickte Abraxasar zu, zusammen mit Saba und Gimply ging sie zu den Überlebenden.
„In meinem Turm werden wir ungestört sein, folgt mir bitte.“, sagte Ansirem und ging vor.
Einen kleinen Fußmarsch später erreichten sie einen mehr oder minder heil gebliebenen Turm Dalarans. Im Erdgeschoss standen mehrere Tische samt Stühle, auf denen sie sich setzten. „Vidsyn, dieser ganze Krieg findet nur wegen dir statt. Nefarian bangt um seine Herrschaft über den Drachenschwarm und für Onyxia bist du eine potentielle Thronräuberin. Doch fürchte ich, das es noch weitaus schlimmere Gefahren geben wird.“, erklärte Abraxasar. „Was meinst du?“, hakte Ansirem nach. „Die Verlassenen haben einen Drachen gezüchtet, einen untoten Drachen.“ – „Einen untoten Drachen? Geht Gefahr von ihm für uns aus?“, fragte der Erzmagier weiter. „Momentan nicht. Die Horde macht das einzig schlaue, sie setzen ihn gegen Onyxia’s Schwarm ein.“
Vidsyn hielt sich den Kopf. „Du hast von ‚Gefahren’ gesprochen, was kommt denn noch?“, fragte sie leicht genervt. „Ich kann es nicht widerlegen, aber ich bin mich fast sicher, dass der Lich-König interessiert diesem Krieg zuschauen wird.“ – „Arthas?!“, rief Ansirem ungläubig dazwischen. „Ja, Arthas, der Lich-König. Es wäre wohl sehr in seinem Interesse, wenn sich die Bewohner Azeroths selbst massakrieren. Dann müsste er nur noch den Rest von uns einkassieren.“, sagte Vidsyn. Die beiden Magier schauten die Schurkin mit großen Augen an. „Wenn mein Vater die östlichen Königreiche einnehmen kann, hat Arthas freie Hand. Er hat schon mal gegen die Drachen gewonnen, gegen die Allianz allerdings noch nie. Es würde mich sehr wundern, wenn er sich in diesen Kampf einmischen wird. Er wird abwarten.“ – „Woher weißt du das?“, fragte Abraxasar. „Ich… weiß es nicht. Als ich dieses… Monster war, habe ich ununterbrochen Stimmen in meinem Kopf gehört. Eine der Stimmen erwähnte immer wieder den Namen ‚Arthas’.“, erklärte Vidsyn.
„Ich glaube du hast die Stimme Sapphirons vernommen.“, sagte Ansirem und kratzte sich am Kopf.
„Wer ist Sapphiron?“, fragte Vidsyn nach. „Ein verstorbener Drache des blauen Schwarms. Arthas tötete ihn vor vielen Jahren und zwang ihm seine Macht auf. Wenn der gute Sapphiron noch nicht tot ist, was ich nicht glaube, fristet er nun seine Zeit als Frost-Wyrm in Naxxramas, eine gigantische Festung der Geißel.“
„Und warum sollte mich dieser Sapphiron dann vor Arthas warnen?“ – „Das weiß ich leider auch nicht. Im moment bleibt uns nichts anderes übrig als abzuwarten.“, fügte Ansirem hinzu und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. „Nicht ganz, Ansirem. Wo ist die Rüstung?“
Ansirem sprang sofort von seinem Stuhl auf und ging rasch zu einem riesigen Wandschrank. „Vidsyn, komm bitte zu mir.“, sagte er und stellte sich neben den Schrank. Vidsyn tat was der Erzmagier sagte und stellte sich ebenfalls neben den Schrank. „Abraxasar bat mich damals, einige uralte Relikte aus der Vergangenheit für diesen Tag aufzubewahren.“ – „Was für ‚Relikte’?“, fragte Vidsyn ungläubig. Ansirem öffnete langsam den Schrank und eine dunkle Lederrüstung kam zum Vorschein. Links und Rechts neben der Rüstung waren zwei gewaltige Schwerter aufgebart. Vidsyn stand mit offenem Mund vor dem Schrank und schüttelte sanft den Kopf. Abraxasar näherte sich ihr langsam und lag ihr eine Hand auf die Schulter.
„Das ist die Schlachtrüstung der Knochensense. Sie wurde vor Jahrtausenden geschaffen, während des ersten Drachenkrieges. Die beiden Schwerter die du dort siehst, sind die letzten beiden Schwerter der Drachenlords. Maladath, die runenverzierte Klinge des schwarzen Drachenschwarms und die Alptraumklinge, eine mächtige Klinge des grünen Drachenschwarms. Diese Waffen gehören nun dir.“, erklärte er.
„W-Woher weißt du das alles und warum gerade ich?“, fragte Vidsyn in einem fast schon traurigem Ton.
Ansirem schaute Abraxasar mit einem Kopfschütteln an. Er holte tief Luft und nahm Vidsyn in den Arm.
„Ich bin ein Hüter der Zeit. Manche sehen uns als Monster an, die die Zeit zu ihren Gunsten manipulieren, doch versuchen wir diese Welt vor dem Untergang zu bewahren. Ich wusste bereits vor Äonen das du das Schicksal der uns bekannten Welt entscheiden wirst, deshalb habe ich die Dinge ihren jetzigen Verlauf nehmen lassen. Aeonus nennen mich die Sterblichen. Ich bin der Führer des endlosen Drachenschwarms.“
