Dreizehn Siegel - Eine Gilde der Allianz in der Festung der Stürme

Dreizehn Siegel Allianz Gilde

Kapitel 20 – Gefangen in der Vergangenheit

Abraxasar löste in den frühen Abendstunden die Sondersitzung der Dreizehn Siegel auf. Selbst nach Stunden fiel den Mitgliedern keine Lösung ein, um diesen sinnlosen Krieg endlich zu stoppen. Darüber hinaus machten sich viele der Mitglieder über das seltsame Verhalten Vidsyn’s Gedanken. Ohne zu zögern, hätte sie ihre alten Freunde ans Messer geliefert und ihre Vernichtung besiegelt. Es musste einen Grund für ihr Verhalten geben und Gimply war fest davon überzeugt, eben jenen Grund heraus zu finden.

„Abraxasar, mit eurer Erlaubnis würde ich gerne mit Vidsyn sprechen.“, meinte Gimply am Ende der Versammlung. Ihm viel leider nichts besseres ein, als Vidsyn direkt mit ihrer Vergangenheit zu konfrontieren. Abraxasar schaute den Gnom an und schwieg. „Vidsyn hat sich verändert. Ihr gesamtes Verhalten scheint ausgewechselt worden zu sein. Es muss einen Grund dafür geben.“, fügte Gimply hinzu und verschränkte seinen kurzen Arme. Abraxasar nickte dem Gnom zu. „Sei vorsichtig, Gimply. Vidsyn scheint nun in ihrer eigenen Vergangenheit zu leben. Niemand kann sagen, wie sie reagiert. Übereile nichts, mein kleiner Freund.“

Langsam tauchte die hereinbrechende Nacht Darnassus in eine idyllische Stille. Vidsyn saß gemeinsam mit Raven auf dem großen Torbogen von Darnassus. Noch immer hingen dunkle Rauchschwaden über das nicht weit entfernte Dolanaar. Ein scheinbar nicht enden wollendes Feuer tobte in dem einstigen Dorf.

„Was hast du nun vor?“, fragte Raven gedankenverloren. Sein Blick wanderte weit in Teldrassils Wälder hinaus. Vidsyn seufzte und starrte auf das vor ihr liegende Schwert.

„Dieses Schwert…“, begann sie, doch schienen ihr die Worte zu fehlen. „Hast du dich niemals gefragt, warum ich ausgerechnet dich als meinen Chevalier auserwählte?“, fuhr Vidsyn fort und schaute nun zu Raven. Dieser zuckte jedoch nur mit den Schultern. „Bislang habe ich es noch nicht bereut, dass du mich aus dem Nether zurückgeholt hast. Ehrlich gesagt habe ich mir nie darüber Gedanken gemacht.“

Für Vidsyn war Raven nur ein Chevalier, ein Diener, der ihrem Willen unterworfen wurde. Alles würde er für sie tun, nein, er müsste alles für sie tun, so dachte Vidsyn. Doch hatte sie schon seit einer langen Zeit keine direkte Kontrolle mehr auf Raven. Alles änderte sich, als Vidsyn plötzlich ohne jegliche Erinnerungen vor der Abtei im Nordhain erwachte.

Langsam keimten Zweifel in der Schurkin auf. Als sie in Sturmwind ihr altes Schwert zum ersten Mal berührte, kehrte der unvergleichliche Hass auf die Abaddon zurück und in Westfall erinnerte sie sich plötzlich wieder an Raven und das Massaker in Brill. Doch all die Zeit davor, ihr ganzes Leben scheint ausgelöscht zu sein. Nefarian, die schwarzen Drachen, der Grund warum sie so lange Abaddon jagte, sie wusste nichts von alledem. Des weiteren scheinen auch jegliche Erinnerungen an die Dreizehn Siegel verschwunden zu sein. Sie alle schienen ihr so vertraut zu sein, und doch erkennt sie niemanden.

Raven beobachtete die nachdenkliche Schurkin aus dem Augenwinkel und grinste. Er hatte einen Verdacht, warum sie ihn eine so seltsame Frage stellte.

„Ich bin aus freien Stücken zu dir zurückgekommen. Abraxasar erklärte mir, das du eines Tages Ohnmächtig vor den Toren Nordhains gefunden wurdest. Exakt zu dieser Zeit spürte ich, wie die Fesseln in meinem Geist gesprengt wurden. Ich hatte meinen eigenen Willen wieder, nach all der Zeit mit dir war ich wieder Herr über mich selbst.“, erklärte Raven und blickte durch die dichten Baumkronen in den Sternen übersäten Himmel.

„Dann hättest du mich nicht aus diesem Drecksloch in Sturmwind befreien müssen.“, meinte Vidsyn harsch.

„Natürlich nicht. Ich werde es dir niemals verzeihen, das du mich damals in Brill erwürgt hast. Genauso wenig, das du mich nun schon etliche Male vierteilen, verbrennen, erschießen oder ersaufen wolltest. Doch selbst wenn ich nun meinen eigenen Willen wieder habe, so bin und bleibe ich bis zum bitteren Ende dein Chevalier. Außerdem, wenn ich nicht auf dich aufpasse, wer sonst? Ohne mich bist du doch aufgeschmissen.“, erklärte Raven weiter und grinste selbst zufrieden.

Vidsyn verengte ihre Augen. „Habe ich schon mal versucht dich zu erhängen?“, fragte sie Raven leise. Schlagartig wich Raven das Grinsen aus dem Gesicht. Schnell stand er auf und sprang den großen Torbogen hinunter. Vidsyn krallte sich fluchend ihr Schwert und nahm die Verfolgung ihres Chevaliers auf. „Diesmal bring ich dich wirklich um!“, brüllte sie ihm durch die Nacht hinterher.

Die ersten Sonnenstrahlen weckten Darnassus aus einer weiteren unruhigen Nacht. Vor dem Tempel des Mondes herrschte ein reges Treiben. Bereits vor Sonnenaufgang berichteten zahlreiche Späher der Dunkelküste von vermehrten Aktivitäten der schwarzen Drachen. Mondpriesterin Tyrande und König Varian Wrynn riefen ihre Generäle zu einer Krisensitzung vor den Toren des Tempels herbei, an der auch Abraxasar und Gimply teilnahmen.

„Im verbrannten Dorf Auberdine wurden in den frühen Morgenstunden mehrere hundert Drakoniden gesichtet. Außerdem gingen einige schwerer Schlachtschiffe an der Küste vor Anker. Tyrande und ich denken, dass alle nicht-flugfähigen Drachen in Ruth’theran einfallen wollen.“, erklärte König Wrynn seinen Generälen. Gimply kratzte sich am Kopf und schaute Abraxasar an. „Es würde keinen Sinn machen, wenn die Drachen in Ruth’theran an Land gehen. Das Portal nach Darnassus wurde deaktiviert, und kann nur vom Tempel des Mondes wieder reaktiviert werden.“, sprach Abraxasar.

„Wir dürfen diese deutlichen Anzeichen nicht ignorieren! Ich fordere die Befestigung des Portals und Ruth’therans!“, brüllte ein anscheinend hochrangiger Zwerg durch die Menge. Abraxasar verließ Kopfschüttelnd die Versammlung. Ein wenig verwirrt folgte Gimply seinem Anführer. „Was ist los?“, hakte Gimply nach. „Diese Narren besiegeln unseren Untergang.“ – „Inwiefern? Ich denke es wäre nicht schlecht, wenn wir beide Eingänge nach Darnassus absichern.“, meinte der kleine Gnom skeptisch. Abraxasar ging mit ihm über eine prachtvolle Brücke zur Bank Darnassus’. „Nun spuck es endlich aus!“, drängte Gimply, diesmal schon deutlich energischer. Er hasste es abgrundtief, wenn Abraxasar ihm wichtige Informationen verheimlichen wollte.

„Es ist offensichtlich, das es sich bei dem Vorgehen der Drachen um eine Falle handelt. Wenn wir unsere begrenzte Truppenstärke innerhalb von Darnassus nun noch weiter verringern, sind die Zivilisten und alle anderen fast schutzlos.“, erklärte Abraxasar und durchwühlte einen riesigen Tresor, das offizielle Schließfach der Dreizehn Siegel. Tief aus eben jenem Tresor holte er schließlich einen Brief heraus, adressiert an Tirion Fordring.

„Fordring?“, fragte Gimply verdutzt. „Ich hatte gehofft, diese Befehle niemals an die Silberne Hand schicken zu müssen, aber wir haben nun keine andere Wahl mehr.“, erklärte Abraxasar. „Befehle? Was hast du nun wieder vor?“ – „Ich werde eine wichtige Sondersitzung der Dreizehn Siegel einberufen, dort werde ich alles weitere erklären. Informiere bitte unsere Mitglieder an den Wachposten, jeder muss anwesend sein, auch Vidsyn.“

„Warum hast du uns alle hier versammelt?“, fragte Jhoro ein wenig verwirrt im Kommandoraum der Dreizehn Siegel. Der Saal platzte förmlich aus allen nähten. Abraxasar versammelte ausnahmslos alle Mitglieder, so dachte er jedenfalls. Allerdings fehlte ein wichtiges Mitglied…

„Meine Freunde, es wird Zeit zu handeln. Die Allianz ist im Begriff unser aller Todesurteil zu unterzeichnen. Eine Befestigung Ruth’therans würde in einer Katastrophe enden.“, begann Abraxasar zu erklären. Aus seiner Robe zog er schließlich den ominösen Brief für Tirion Fordring und hielt in die Luft. „In diesem Brief befinden sich Befehle für einen massiven Großangriff auf alle wichtigen Städte Azeroths.“

Stille durchdrang den großen Saal. Viele begannen nun das erste Mal an Abraxasar zu zweifeln. Ein Großangriff war vollkommen unmöglich, da die Allianz über keine Armeen mehr verfügte.

„Und mit welchen Truppen soll dieser Angriff ausgeführt werden?“, fragte Vidsyn skeptisch nach. „Wie viele von euch vielleicht wissen, legte ich meine Existenz als Aeonus nach Vidsyn’s Entführung durch Nefarian ab. Ich hatte versagt. Mir war es nicht möglich, diese Wendung der Ereignisse vorauszusehen, ich war nicht in der Lage Vidsyn und uns alle vor diesem Krieg zu bewahren. Doch habe ich Aufgrund meiner Vergangenheit noch immer gute Kontakte zu gewissen Personen.“, erklärte Abraxasar und stand nun von seinem Stuhl auf. „Tirion Fordring wird mit der Silbernen Hand einen Angriff auf das Schlingendorntal beginnen. Er wird die Drachen in einen direkten Kampf verwickeln. Nefarian wird auf diesen Angriff reagieren müssen.“

Vidsyn war von diesem Vorhaben sehr überrascht. Selbst wenn die Silberne Hand in der Beutebucht über genügend Truppen verfügt, so würde ihre Stärke gegen die schwarzen Drachen niemals ausreichen. „Ihr wollt Fordring in einen Kampf gegen die schwarzen Armeen schicken? Nefarian’s Drachen sind im offenen Kampf fast unschlagbar, das ist ein Himmelfahrtskommando!“, warf Gimply empört ein.

„Wie ich bereits sagte, gewährt mir meine alte Existenz Kontakte. In den letzten Wochen konnte ich die Lebensbinderin davon überzeugen, uns im Kampf gegen Nefarian zu unterstützen. Mondpriesterin Tyrande gelang es außerdem, den grünen Drachenschwarm um Hilfe zu ersuchen. Wenn sie Erfolg hatte, werden uns in diesem Kampf Alexstrasza und der gesamte rote Drachenschwarm, sowie die Träumerin Ysera mit ihrem grünen Drachenschwarm zur Seite stehen. Alexstrasza und Ysera sind die Hüter des Lebens und der Natur Azeroths, mit ihrer Hilfe werden wir das Blatt in diesem Krieg wenden können.“, sprach Abraxasar weiter. Plötzlich brach ohrenbetäubender Jubel unter den Mitgliedern der Dreizehn Siegel aus. Vidsyn allerdings gefiel dieser Gedanke ganz und gar nicht. Als Tochter Nefarians würden die Roten und Grünen Drachen nicht gut auf sie zu sprechen sein. Mit einer Handbewegung bat Abraxasar den Saal um Ruhe.

„Für Jubel ist es leider noch zu früh, meine Freunde. Vor uns liegt ein harter Kampf, den viele von uns vielleicht nicht überleben werden. Seid euch dessen bewusst. Ich werde unverzüglich die Befehle an Tirion senden, unsere Aufgabe wird es indessen sein, Darnassus bis zum Eintreffen von Alexstrasza zu halten. Mit ihrer Hilfe werden wir in einem riskanten Ausfall, die Drachen in Auberdine angreifen, und damit die Belagerung von Darnassus beenden.“

Langsam bekam Vidsyn Magenschmerzen. Wenn Alexstrasza tatsächlich nach Darnassus kommt, muss sie sich einem der mächtigsten Drachenaspekte stellen. Alexstrasza war zwar für ihr großes Mitgefühl bekannt, doch wusste Vidsyn nicht, wie sie bei der Tochter von Nefarian reagieren würde.

Abraxasar erklärte seinen Mitgliedern das weitere Vorgehen. Alle Hoffnung lag nun bei Tirion Fordring und der Silbernen Hand. Abraxasar erklärte, das Fordring seine Truppen mit denen des Grünen Schwarms in der Beutebucht vereinen würde, und dann ein Feldzug bis Sturmwind beginnt. Sturmwind war in diesem Krieg eine Schlüsselposition. Sowohl die Eisenschmiede, als auch der Schwarzfels lagen in direkter Reichweite, ein unschätzbarer Vorteil für die Allianz. Eine Festung direkt vor Nefarian’s Haustür, würden zukünftige Angriffe schneller und sicherer werden lassen. In den frühen Abendstunden beendete Abraxasar schließlich die Sitzung der Dreizehn Siegel, und ordnete erhöhte Wachsamkeit an. Besonders das Portal nach Ruth’theran sollte rund um die Uhr unter Aufsicht stehen. Langsam verließen die Dreizehn Siegel den großen Saal und ließen Abraxasar mit Gimply, Vidsyn und Raven zurück.

Vidsyn saß gedankenverloren auf ihrem Stuhl. Schweißperlen liefen von ihrem Gesicht herab. Ohne Vorwarnung spielten sich wieder verwirrende Bilder vor ihrem Auge ab. Ihr Atem wurde schwerer, sie fühlte sich erbärmlich. „Aufhören…“, murmelte die Schurkin und hielt sich mit beiden Händen ihren Kopf. Wie eine unaufhaltsame Flut durchdrangen längst vergessene Erinnerungen ihren Geist. Sie fand sich plötzlich im Ausbildungslager von Nordhain wieder. Gimply stand vor ihr und fluchte in seiner grellen Stimme. Sekunden später befand sie sich erneut an Bord des Schiffes nach Theramore. Nefarian, ein brutaler Mord, Blut, unvorstellbare Qualen.

Gimply beobachtete die Schurkin, doch konnte er in diesem Augenblick nichts für sie tun. „Schafft sie es?“, fragte er plötzlich Abraxasar. Dieser saß mit geschlossenen Augen neben ihm und flüsterte unverständliche Worte. Eine Sprache, die selbst Gimply nicht kannte. Raven saß derweil neben Vidsyn und hielt ihre Hand. Vidsyn hätte am liebsten Geschrien. Die Flut der Erinnerungen schien einfach kein Ende zu nehmen.

Die Schurkin bahnte sich ihren Weg durch die Vergangenheit. Sie fand sich erneut in Süderstade wieder. Nefarian flog über dem Dorf und bereitete seine vernichtende Feuersbrunst vor. Panik durchdrang Vidsyn. Raven spürte deutlich, wie sich Vidsyn’s Hand fest um seine klammerte.

Nach weiteren Minuten verstummte Abraxasar. Er öffnete wieder seine Augen und seufzte. Abraxasar klärte Gimply und Raven bereits am Vortag über dieses Ereignis auf. Raven gefiel es zwar garnicht, das Vidsyn leiden musste, doch war dieser Weg nicht zu vermeiden.

Vidsyn atmete noch immer schwer, doch waren die Bilder in ihrem Kopf endlich verstummt. „Was… war das?“, murmelte sie leise. „Ich habe deine Bruchstückhafte Vergangenheit zusammengefügt, Vidsyn. Durch die Berührung mit deinem Schwert, kehrten Erinnerungen an die Zeit vor den Dreizehn Siegel zurück, doch verschwanden dabei jegliche Erinnerungen an uns. Diesen Fehler habe ich nun versucht zu beheben. Verzeih mir, das ich in deinen Kopf eingedrungen bin.“, erklärte Abraxasar so sachlich wie möglich. Dieser Ausflug in die Gedanken von Vidsyn war auch für ihn sehr strapazierend. „Ich… muss mich ausruhen.“, sagte Vidsyn erschöpft. In ihrem Kopf hämmerte es äußerst Schmerzhaft. Abraxasar nickte, und bat Raven, sie zu ihrem Zimmer zu geleiten. Abraxasar wusste nicht, ob er Erfolg hatte, doch bereitete ihm Momentan etwas anderes mehr Sorgen. Bei der Sitzung der Dreizehn Siegel fehlte Honigblume.

Sie benahm sich schon seit einigen Tagen äußerst Merkwürdig.

„Wie geht es dir?“, fragte Raven besorgt, als er Vidsyn zu ihrem Raum begleitete. „Mir ging’s schon mal besser. Abraxasar hat in meinem Kopf rumgewühlt, wie würdest du dich da fühlen?“, gab Vidsyn giftig zurück. Raven zuckte mit den Schultern und öffnete der Schurkin die Tür zur ihrem Raum. Vidsyn ging zielgerichtet auf das große Bett zu, das einzige was sie im Moment wollte. Mit Erleichterung schmiss sie sich hinein und schloss ihre Auge. Ein seltsames Gefühl übermannte die Schurkin, als wäre sie aus einem Traum erwacht. Sie konnte sich ganz genau an die Dreizehn Siegel und ihre Niederlage in Süderstade erinnern. Und sogar an das, was nach ihrem Fall geschah. Es bereitete ihr eine große Angst. Sobald es ihr wieder besser ginge, würde sie sofort mit Abraxasar reden. Das erste Mal in ihrem Leben, konnte sich Vidsyn an Teile ihrer Zeit vor der Ausbildung in Nordhain erinnern. Nur Verstand sie einfach nicht, warum ihr einzig die Begegnung mit Raven klar wurde. Diese Frage beschäftigte sie sehr, dabei stand die Wahrheit nur zwei Meter neben ihr.

„Raven, was habe ich nach unserem Treffen in Brill getan?“, fragte sie frei heraus. Ein bisschen von dieser Frage überrumpelt, wusste er nicht wie er anfangen sollte.

„Was meinst du? Soll ich dir jetzt fast einhundert Jahre erklären?“, hakte er perplex nach. Vidsyn schüttelte den Kopf und nahm eine ihrer sehr langen Stränen in die Finger. „Ich glaube, ich möchte nicht alles wissen. Ich meine nur… was war ich für ein Mensch?“, gab sie unsicher zurück. Sie machte sich große Sorgen, dass sie etwas schlimmes getan hat. Durch ihre wiederkehrende Vergangenheit veränderte sich auch allmählich ihr Charakter wieder. Blutrünstige Mordgedanken waren ihr fremd, niemals hätte sie das getan, was ihre Erinnerungen plagt. Die ‘alte’ Vidsyn, die naive Schurkin, die niemals etwas Unrechtes getan hätte, war zurück.

Raven seufzte und setzt sich auf die Bettkante. Versuchend einen Anfang zu finden, kratzte er sich am Kopf und dachte nach.

„Also, als du mich zu deinem Chevalier gemacht hast… öhh… zu Aller erst, hast du mir beigebracht, das du mein Meister bist und ich nur ein niederes Geschöpf…“ – Vidsyn musste schlucken. – „…und das du die neuste kranke Idee deines Vaters jagst. Zu deiner Zeit bei dem schwarzen Drachenschwarm, hast du deinem Vater wohl bei seinen Experimenten geholfen. Für besagte kranke Idee, hast du wohl dein adeliges Blut für diese Abaddon zur Verfügung gestellt.“, erzählte Raven fast schon emotionslos. Für Vidsyn brach in diesem Augenblick eine Welt zusammen. Ausgerechnet sie hatte diese Abaddon zu verantworten. „Mit meinem B-Blut?“, hakte sie vorsichtig nach.

„Da du ein direkter Nachfahre von Todesschwinge bist, ist dein Blut ein wahrer Jungbrunnen. Du regenerierst Wunden sehr viel schneller als normale Menschen. Darüber hinaus hast du unfassbare Kräfte, im Kampf, wie auch im Geiste. Mit deinem Blut hat Nefarian die Abaddon gezüchtet. Die Dinger sind unglaublich Stark und Abgehärtet. Mit normalen Waffen kann man die Mistkerle fast gar nicht umlegen, die ganze Haut besteht aus dicken Panzerplatten. Und selbst wenn du dem ‘n Arm abhackst, regeneriert er sich sehr schnell.“, erzählte er weiter.

Langsam wurde es Vidsyn sehr flau im Bauch.

„Aber wenn diese Abaddon so schwer zu töten sind, warum hab dann ausgerechnet ich sie gejagt?“ – „Weil dein Blut einen eher schlechten Effekt auf die Abaddon hat. In deinem Schwert sind einige Kerben eingearbeitet. Wenn du dir also zum Beispiel in die Hand schneidest, und dein Blut durch diese Kerben bis in die Schneide laufen lässt… naja, wenn du dann einen Abaddon erwischst, wird er sofort versteinert. Warum weiß ich allerdings auch nicht.“, ergänzte Raven und schaute Vidsyn an. Die Schurkin versuchte das eben gehörte irgendwie zu verstehen. Durch sie wurden die Abaddon erschaffen, und nur sie konnte sie auch wieder töten.

„Ich denke das reicht für heute. Danke.“, meinte Vidsyn gedankenverloren. Ohne weiter auf Raven zu achten, schloss sie ihre Augen und versuchte schnell einzuschlafen.


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