Kapitel 17 – König Arthas Menethil
Die Gruppe schwieg, während sie Abraxasar und der unbekannter Frau folgten. Schmale, Gimply bisher unbekannte Gänge, führten tief in das Erdreich von Darnassus. Vor einer unscheinbaren Mauer blieben sie plötzlich stehen. Abraxasar drückte einen Stein in das Massiv hinein, woraufhin sich die Mauer direkt vor ihnen öffnete. „Darf ich bitten?“, sagte Abraxasar mit einem lächeln und bat die kleine Gruppe in einen riesigen Raum. Unzählige Menschen, Gnome, Zwerge und Nachtelfen waren zu sehen, die aufgeregt durch den Raum hetzten. Seltsam aussehende Maschinen standen im ganzen Raum verteilt. Einer der Gnome war gerade mit einer der Maschinen beschäftigt, die kurze Zeit später ein beschriftetes Pergament ausspuckte. Abraxasar und seine Begleiterin gingen in die Mitte des Raumes, wo ein großer Tisch mit einer Karte zu sehen war. „Setzt euch.“, meinte Abraxasar und deutete auf eine Vielzahl von Stühlen. Rasch verteilte sich die Gruppe auf die Stühle und wartete gespannt auf eine Erklärung.
„Ich begrüße euch im Herzen der Dreizehn Siegel.“, sagte Abraxasar und setzte sich ebenfalls auf einen der Stühle. Irene, die unbekannte Frau, verschwand zwischen einigen Apparaturen. „Wer ist diese Frau?“, hakte Gimply nach. „Das ist Irene. Sie ist, wenn man es so nennen will, das Gehirn unserer Gemeinschaft. Durch ihre Hilfe konnten wir das erreichen, was uns heute genommen werden will.“ Gimply nickte stumm und verschränkte seine kurzen Arme. Irene tauchte nach einiger Zeit des Schweigens mit einer Art Zeichenbrett wieder auf. Sie stellte es vor den großen Tisch, sodass es alle gut sehen konnten. Nach getaner Arbeit setzte sie sich zu den anderen an den Tisch. „Also gut. Irene, wissen wir jetzt genaueres wegen der Energiequelle?“, meinte Abraxasar und wandte sich Irene zu. Die junge Frau seufzte und schüttelte den Kopf. „Sie verschwand leider zu schnell wieder. Das einzige, was wir mit Sicherheit sagen können ist, das die Quelle aus den östlichen Königreichen kam. Wahrscheinlich aus der näheren Umgebung Sturmwinds.“
Abraxasar nickte und dachte nach. Er hatte einen Verdacht, was diesen kraftvollen Anstieg der Netherenergien verursacht hatte, doch war es noch zu früh für voreilige Spekulationen, also schwieg er.
Schnell und fast Unsichtbar sprang Raven von Dach zu Dach des Parks in Sturmwind. Noch immer mit Vidsyn auf seinen Armen versuchte er eine Möglichkeit zu finden aus Sturmwind zu verschwinden. Unzählige Abaddon’s bevölkerten die menschenleeren Straßen der einstigen Hauptstadt. Das letzte Haus, welches ihn vom Kanal zum Handelsdistrikt trennte, nahm Raven als eine gute Möglichkeit zur Orientierung wahr. Um Sturmwind zu verlassen müsse er den Kanal überqueren, er gab keine andere Möglichkeit. Doch wären es wichtige Sekunden, die er ohne jegliche Deckung verbringen muss. „Ich hasse diese Stadt.“, grummelte Raven und sah sich den Kanal genau an. Abaddon’s waren glücklicherweise nicht zu sehen, doch traute Raven der trügerischen Atmosphäre nicht. Plötzlich und ohne Vorwarnung hörte er mächtige Schritte hinter sich. Rasch drehte er sich um. Nur wenige Meter vor ihm stand ein Abaddon. Wahrscheinlich sah er die flüchtenden und nahm die Verfolgung auf. Raven ärgerte sich über seine Unachtsamkeit. Jetzt blieb ihm keine andere Wahl mehr. Mit Anlauf sprang Raven von dem Dach des Hauses und sprintete auf die Brücke des Kanals zu. Gebrüll war hinter ihm zu hören, die Abaddon’s würden zweifellos folgen. Raven rannte so schnell ihn seine Beine tragen konnten. Auf der Mitte der Brücke blieb Raven allerdings abrupt stehen und schaute entsetzt in die Gasse, welche zum Handelsdistrikt führte. Im Schatten der Nacht waren unzählige leuchtende Augen zu sehen. Ein Blick nach hinten bestätigte seine Befürchtung, das weitere Abaddon gefolgt waren. Er saß in einer sehr ungünstigen Position in der Falle. So schnell wie möglich musste Raven einen Weg auf die Dächer des Handelsdistriktes finden, doch war der Weg mittlerweile mit Abaddon versperrt, welche immer näher an ihn heran kamen.
„Vidsyn… es tut mir Leid.“, murmelte Raven und beobachtete die Abaddon vor sich. Nur wenige Meter trennten ihn vor den Monstern. „So darf es nicht enden. Nicht nach all dem Ärger, verdammt.“, fluchte er. Raven biss die Zähne zusammen und rannte schon fast ziellos auf die Abaddon vor sich zu. Fast ein dutzend dieser Wesen hatte sich vor Raven aufgebaut. Raven rannte weiterhin mit hoher Geschwindigkeit auf sie zu und stieß sich, wenige Schritte vor ihnen, mit aller Kraft vom Boden ab. In hohem Bogen flog er über die laut brüllenden Abaddon hinweg und landete sicher hinter ihnen. Vor ihm war nun eine Abaddon-Freie Gasse zu sehen. Mit einem leichten Grinsen rannte Raven weiter, achtete aber immer darauf, dass keines der Monster zu nah heran kam.
„Irene, kläre meine Freunde bitte über die Abaddon auf.“, sagte Abraxasar nach einiger Zeit. Irene nickte stumm und stand von ihrem Stuhl auf. Rasch ging sie zu dem aufgestellten Zeichenbrett und schnippte mit ihren Fingern. Auf dem vorher leeren Blatt tauchte plötzlich die Zeichnung eines furchtbar entstellten Monsters auf. Gimply und die anderen erschraken bei dem fast schon lebendig wirkenden Anblick.
„Das ist ein Abaddon.“, begann Irene mit ihrer Erklärung. „Unser Wissen über diese Kreaturen ist leider sehr begrenzt. Wir kennen weder ihre Herkunft, noch ihre Vorgehensweise. Doch eins kann ich euch mit Sicherheit sagen: Abaddon sind blutrünstige, extrem gefährliche Tötungsmaschinen.“, fuhr sie fort. Der kleinen Gruppe rann ein kalter Schauer über den Rücken. „Kann man diese Dinger nicht einfach Totschlagen?“, hakte Jhoro mit einem Stirnrunzeln nach. „Leider nicht.“, sagte Irene und rieb sich ihre Stirn. „Dieser Punkt beschäftigt uns am meisten. Wir haben bislang noch keine Möglichkeit gefunden, einen Abaddon effektiv zu vernichten. Der einzige Weg, den wir auch bestätigen können, ist es, dem Abaddon den Kopf abzuschlagen. Doch ist die Theorie weitaus einfacher als die Praxis.“, erklärte sie. „Der Körperbau eines Abaddon ist äußerst komplex. Der Großteil seiner Haut wird von dicken Panzerplatten bedeckt, so auch der Hals. Nur mit viel Aufwand ist es möglich den Kopf vom Körper zu trennen.“ – „Aber es geht?“, fragte Jhoro noch einmal nach. „Wie gesagt, theoretisch schon. Doch muss ich euch warnen. Wahrscheinlich würdet ihr in Stücke gerissen werden, bevor ihr auch nur Ansatzweise einen Erfolg mit dieser Technik erzielen würdet.“
Jhoro schluckte bei dieser Bemerkung und versank wieder in Stillschweigen.
Gimply hörte der Gruselgeschichte der Frau nur abwesend zu, seine Gedanken waren an einem fernen Ort. Sein Gefühl sagte ihm, das irgendetwas wichtiges geschehen ist. Nicht nur diese Irene spürte eine mächtige Energiequelle.
Raven hetzte durch verwinkelte Gassen der menschenleeren Stadt, immer sein Ziel vor Augen, das Stadttor Sturmwinds. Das Tal der Helden, nur noch ein Schatten des alten Glanzes. Die prunkvollen Statuen lagen zertrümmert über die gesamte Brücke, bis nach Elwynn hinein verteilt, auf dem kalten Boden. Raven rannte so schnell ihn seine Beine tragen konnten, denn noch immer war hinter ihm Gebrüll der Abaddon zu hören. Schnell lies er die große Brücke hinter sich und betrat endlich den Wald von Elwynn. Kurz hinter dem Stadttor blieb er stehen um wieder etwas zu Atem zu kommen. Er ging einen kleinen, unscheinbaren Weg tiefer in den Wald hinein. Vidsyn schlief noch immer fest. Von der ganzen Aufregung schien sie rein gar nichts mitbekommen zu haben. Raven folgte dem riesigen Steinmassiv zu seiner Rechten und erreichte bald eine kleine Hütte am Rande des Spiegelsees. Der klare Vollmond ließ das Wasser wie einen großer Haufen Kristalle funkeln. Ein fast schon idyllischer Ort, doch wusste Raven, das er schnell weiter musste. Sturmwind war noch immer zu nah und damit auch die Abaddon. Sein Ziel war die Küste von Westfall.
Westfall war von den Drachen und Abaddon weitestgehend gemieden worden. Zwar wurde dort auch fast jegliches Leben ausgelöscht oder versklavt, doch zogen die riesigen Heere schnell wieder ab. Erschöpft von der ungeplanten Flucht marschierte Raven gen Westen los.
Gimply seufzte unüberhörbar. „Warum sind wir hier?“, fragte er kurz und bündig Abraxasar. „Diese Energiequelle war das erste Zeichen des Erwachens.“, gab Abraxasar zurück und stand auf. Irene schaute ihn stirnrunzelnd an, denn sie hatte bislang keine Ahnung, was diese enorme Energie auslöste. „Ich denke, es ist an der Zeit, dass ich euch über alles aufkläre.“, sagte Abraxasar und ging langsam um den großen Tisch.
„Der schwarze Drachenschwarm ist nicht unsere einzige Bedrohung. Nein, im Gegenteil. Nefarian’s Brut steht selbst vor seiner vollständigen Vernichtung.“
Allgemeine Verwirrtheit machte sich im Raum breit. Abraxasar war ein Meister darin, in Rätseln zu sprechen. Langsam fanden sich aber alle damit ab.
„Vor einem Jahr, als unsere Gruppe in Dalaran halt machte, erwähnte Vidsyn, das sie ununterbrochen eine Stimme wahr nahm. Sapphiron war es, der Diener von Lichkönig Arthas. Ansirem, der Erzmagier der Kirin’Tor und ich waren uns nicht sicher. Lange haben wir versucht die vergangenen Ereignisse wie ein riesiges Puzzle zusammen zu setzen.“, erklärte Abraxasar und schaute während seiner Erzählung immer wieder in wie versteinerte Gesichter. „Dieser Sapphiron, wer ist das?“, fragte Boomy nach und kratzte sich verlegen am Kopf. „Sapphiron ist ein sehr mächtiger Drache des blauen Schwarms. Jedenfalls war er das, bis Arthas ihn im Kampf bezwang und ihm die Existenz als Frost-Wyrm aufzwang. Ich bin mir sicher, das Sapphiron über diesen Umstand nicht wirklich erfreut ist. Daher ist es möglich, das er Vidsyn vor einer nahenden Katastrophe warnen wollte.“, fuhr Abraxasar fort. Honigblume versuchte Krampfhaft einige Tränen zurückzuhalten. Schon lange hörte sie nicht mehr den Namen ihrer guten Freundin.
„Die plötzliche Invasion der Drachen. Wir alle haben uns damit abgefunden, das Nefarian um die Vorherrschaft des schwarzen Schwarms kämpft. Doch… was wenn dem nicht so ist?“, meinte Abraxasar und schloss seine Augen. „Was meinst du damit? Warum sollte Nefarian sonst so einen großen Krieg beginnen?“, hakte Boomy skeptisch nach. „Erst die Stimme Sapphirons, dann die Invasion der Drachen. Und zuletzt, die Epidemie der Abaddon. All das sind deutliche Anzeichen, das Nefarian unter der Kontrolle des Lichkönigs steht.“ Allen Anwesenden fiel förmlich der Mund bei dieser Bemerkung offen.
Raven’s Schritte wurden langsamer und schwerfälliger. Die gefallene Garnison endlich hinter sich gelassen, erreichte er eine kleine Brücke, welche den Wald von Elwynn und Westfall trennt. Eine fast schon beruhigende Stille lag in der Luft. Nach Wochen des Reisens und Mordens konnte sich Raven ein wenig Entspannen. Soweit dies mit Vidsyn auf seinen Armen jedenfalls möglich war. Sein Ziel war die Küste Westfalls. „Ich hoffe Aeonus hat sich an die Abmachung gehalten.“, murrte er leise. Rasch überquerte er die Brücke und schlug den Weg in Richtung des großen Meeres ein. Ein verfallener Bauernhof ließ ihn jedoch für einen Moment stoppen. In der kleinen Hütte des Hofes konnte Raven ein kleines, unscheinbares Licht erkennen. Es flackerte sanft und warf einen großen Schatten an die Wand. Von Raven’s momentaner Position konnte er den Schatten niemanden zuordnen, doch sah es sehr menschlich aus. Er schenkte der Hütte keine weitere Beachtung und ging schulterzuckend weiter. Den Weg über das offene Feld wollte Raven vermeiden, also wählte er den sichereren Weg durch das hohe Gras, direkt neben dem Feld. Auf halber Höhe des Weges blieb Raven erneut stehen. Seltsames Gebrabbel ließ ihn aufhorchen. Zweifellos kam es aus dem inneren der Hütte. Nun war Raven’s Neugierde geweckt. Sanft legte er Vidsyn in das hohe Gras, sodass sie aus der Entfernung fast unsichtbar war. „Ich bin gleich wieder da.“, flüsterte er ihr zu und streichelte sie über ihre Wange. Wenige Sekunden später tauchte Raven in die zahlreichen Schatten seiner Umgebung ein. Für ein ungeschultes Auge war er nun nicht mehr zu erkennen, was ganz in seinem Sinne lag. Vorsichtig und darauf bedacht, keine unnötigen Geräusche zu machen, schlich er zu der kleinen Hütte des verlassenen Bauernhofes. An der Türschwelle blieb er stehen und konzentrierte sich auf nahe Geräusche. Unverständliche Worte waren zu hören, die Raven so nicht verstand. Zwar kamen ihm einige Worte bekannt vor, doch viel ihm einfach nicht ein woher. Vorsichtig glitt Raven an der Wand der Hütte weiter zur Tür voran. Langsam lugte er in die Hütte hinein und sah etwas, womit er nun wirklich nicht gerechnet hatte. Ein Verlassener saß mit dem Rücken zur Tür an einem maroden Holztisch. Ein gefundenes Fressen für Raven, der keine Chance ausließ, Mitglieder der Horde zu töten.
„Wie kommst du auf diese absurde Idee, dass der Lichkönig diesen Krieg zu verantworten hat?“, fragte Gimply ungläubig seinen Freund Abraxasar. Er seinerseits seufzte. „Ich kann sehr gut verstehen, dass ihr meinem Verdacht nur schwer Glauben schenken könnt, doch lasst mich versuchen zu erklären.“ – „Dann leg mal los.“, gab Gimply zurück und verschränkte seine Arme.
„Naxxramas, das Bollwerk der Geißel. Lange Zeit schwebte die gewaltige Nekropole in den östlichen Pestländern. Sapphiron selbst hauste im inneren der Nekropole, dem Lich Kel’Thuzad treu ergeben. Jedenfalls dachten wir das. Als Vidsyn das erste Mal ihre drachische Gestalt annahm, wurde eine unbeschreiblich große Menge Energie freigesetzt. Diese Energien können allerdings nur durch Drachen wahrgenommen werden, so auch zweifellos von Sapphiron. Die Stimme in Vidsyn’s Kopf war Sapphiron, der sie vor der nahenden Invasion durch den schwarzen Drachenschwarm warnen wollte. Leider weiß ich noch immer nicht, warum er sie warnte. Allerdings hegt Sapphiron einen unendlichen Hass gegenüber seinem Erschaffer, nämlich Arthas. Ein, wie ich finde, guter Grund, seinen Meister zu hintergehen.“, erklärte Abraxasar.
„Du meinst also, das Sapphiron wegen seinem Hass auf Arthas, ihn verriet?“, hakte Honigblume skeptisch nach. Abraxasar nickte und erzählte weiter.
„Die Invasion der schwarzen Drachen widerspricht jeglicher Logik. Unsere erste Vermutung, dass er diesen Krieg wegen der Vorherrschaftsstellung innerhalb des Schwarms begann, ist unwahrscheinlich. Selbst wenn es so wäre, müsse er keine Gefahr von Vidsyn oder gar Onyxia befürchten. Vidsyn hegt kein Interesse daran den Schwarm zu führen und Onyxia ist nur noch ein Schatten ihres Selbst. Viel zu viel Macht verlor Onyxia im Laufe der Jahrhunderte. Mit einen Angriff auf Nefarian hätte sie selbst ihr Todesurteil unterschrieben.“ Schweigen lag im Raum. Eine wahrlich erschreckende Wendung der Ereignisse, die noch niemand so recht glauben konnte. Doch steckte in Abraxasar’s Worten viel Sinnigkeit, weshalb seine Mitglieder ihm aufmerksam zuhörten.
Raven zog aus der Gürtelschnalle einen seiner rabenschwarzen Dolche. Leise schlich er auf den Unaufmerksamen Verlassenen zu. Die Holzdielen waren alt, weshalb sich Raven besonders viel Mühe gab, keine Geräusche zu machen. Er baute sich langsam hinter dem Verlassenen auf und richtete seinen Dolch auf ihn. Raven holte weit mit seiner Waffenhand aus und schlug… ins Leere. Der Verlassene verschwand direkt vor seinen Augen.
Raven drehte sich hektisch auf der Stelle um und blickte in das verfaulte Gesicht des Untoten. Seine Augenhöhlen waren leer, der Kiefer bis auf die Knochen vermodert und verfallen. Ein ekelhafter Anblick, der selbst Raven schlucken ließ. Zu Raven’s Entsetzen musste er feststellen, das der Verlassene seinerseits einen Dolch auf ihn gerichtet hatte.
„Schach und Matt.“, murmelte der Verlassene in der Sprache der Menschen, was Raven nur noch mehr verwundern ließ. Der Untote legte seinen Kopf schief und sah Raven an, jedenfalls würde man es denken, wenn der Verlassene noch Augen gehabt hätte. „Raven..?“, fragte er ungläubig. Raven ging einen Schritt zurück, spürte allerdings schnell den Tisch in seinen Rücken. „Woher kennst du mich, du verfaultes Stück Dreck?“, zischte er den Untoten an. „Du… wir… Silberwald.“, stotterte der Untote und senkte seine Waffe. Er schüttelte immer wieder ungläubig den Kopf und verschwand wenige Sekunden später erneut vor Raven’s Augen. „Was zur Hölle…“, grummelte Raven und atmete tief durch.
Er verstaute seinen Dolch wieder in seiner Gürtelschnalle und verließ die alte Hütte. An der Stelle, wo er Vidsyn zurückließ, konnte er sie sehen. Etwas wackelig auf den Beinen stützte sich Vidsyn an einem Baumstumpf. Raven rannte sofort in ihre Richtung, wurde allerdings schon nach wenigen Metern unsanft zu Fall gebracht. „Hinter dir!“, hörte er Vidsyn rufen. Schnell rollte sich Raven auf den Rücken und konnte im letzten Moment den Arm des Verlassenen aufhalten, welcher direkt, mit einem Dolch bewaffnet, auf seinen Kopf zuraste.
Nur mit Mühe konnte Raven der immensen Kraft des Untoten standhalten. Der Dolch war nur wenige Zentimeter vor seinem Gesicht.
„Elender Madensack, runter von mir!“, brüllte Raven und winkelte sein rechtes Bein an. Er stemmte es mit aller Kraft gegen seinen Gegner und schleuderte ihn einige Meter hinter sich zu Boden. Schnell richtete sich Raven wieder auf und griff nach seinen beiden Dolchen. Doch zu seinem Entsetzen waren sie Verschwunden. Sein untoter Gegner stand mittlerweile auch wieder auf den Beinen und grinste ihn hämisch an.
„Suchst du die hier?“, meinte er gelassen und hielt Raven’s Dolche in die Luft. Raven verengte seine Augen zu Schlitzen und fluchte unverständliche Wörter. Vidsyn beobachtete das Schauspiel. Sie war noch immer sehr Müde, doch war ihr klar, dass sie diesem Raven irgendwie helfen müsse. Ihre Augen wanderten durch die nähere Umgebung, auf der Suche nach etwas, was Raven irgendwie helfen könnte. Dort, wo Vidsyn vor wenigen Minuten noch lag, lag ein seltsames Schwert auf dem Boden. Langsam ging sie zu dem Schwert und kniete sich neben es. Die Waffe kam ihr sehr bekannt vor. Plötzlich schossen ihre unzählige Bilder durch den Kopf. Bilder von verstümmelten Menschen, von Blut und Verderben. Vidsyn hielt sich den Kopf und kniff ihre Augen zusammen. „Aufhören…“, murmelte sie. Immer und immer wieder. „Aufhören!“
Abraxasar setzte sich wieder auf seinen Stuhl und kramte aus einer seiner Taschen eine Pfeife heraus. Mit einer einfachen Handbewegung entzündete er sie und nahm einen tiefen Zug. „Die Invasion der Drachen kam viel zu plötzlich. Die Allianz beobachtete die brennende Steppe jeden Tag, rund um die Uhr. Die Anzahl der Drachen war zwar hoch, doch nicht gefährlich. Wie also konnte Nefarian in so kurzer Zeit, ein so gigantisches Heer aufstellen, frage ich euch.“, sagte Abraxasar und nahm einen weiteren Zug seiner Pfeife. Niemand antwortete auf seine Frage. „Wir kämpfen seit beginn der Invasion gegen eine untote Armee aus Drachen.“, sagte er nach einigen weiteren Momenten des Schweigens. „Untote?!“, wandte Gimply entsetzt ein. „Du meinst, diese ganzen Drachen sind Untot? Das kann doch nicht sein, das hätten wir längst bemerkt.“ Plötzlich ergriff Irene das Wort, die noch immer an ihrem Zeichenbrett stand. „Der gesamte Schwarzfels steht unter der Kontrolle der schwarzen Drachen. Unseren Informationen zufolge werden irgendwo im Schwarzfels verstorbene Drachen bestattet. Brutlinge, Drachkin, Großdrachen, einfach alle. Für einen geübten Nekromanten, was Arthas zweifellos ist, ist es ein leichtes, aus den Überresten eine Armee aufzustellen. Leider wissen wir noch nicht, wo dieser ‚Drachenfriedhof’ ist.“
Abraxasar nickte Irene während ihrer Erklärung immer wieder zu. „Mal angenommen, bis zu diesem Punkt stimmt eure These. Ich verstehe allerdings nicht warum Nefarian mit Arthas zusammen arbeitet.“, wandte Gimply stirnrunzelnd ein.
Abraxasar schmunzelte. Auf diese Frage hatte er lange gewartet. „Nefarian ist mächtig, das ist unumstritten. Doch auch jemanden wie Nefarian kann man beeinflussen oder bedrohen. Das Arthas das mächtigste Wesen Azeroths ist, muss ich hier ja niemanden erklären. Ich denke, das Nefarian nur aus einem Grunde Arthas hilft: Seinem eigenen Überleben.“ Mit einer Handbewegung forderte Abraxasar Irene auf, mit dem letzten Punkt fortzufahren. Sie nickte und schnippte erneut mit ihren Fingern. Ein neues Bild tauchte auf dem Zeichenbrett auf. Auf der linken Seite erschien das Bild eines normalen Menschen. In der Mitte, das Bild eines sehr krank aussehenden Menschen. Seine Haut war blass, die Augen wirkten matt und kraftlos. Und zuletzt, auf der rechten Seite, das Bild eines Abaddon.
„Der letzte Punkte, der uns zu der Invasion von Arthas führt, sind die Abaddon. Die Epidemie um diese Wesen kann man anhand dieser Bilder sehr leicht erklären.“, begann sie und deutete dann auf das Zeichenbrett.
„Links, ein kürzlich infizierter Mensch. Äußerlich kann man noch keine Veränderung sehen, doch befindet sich sein gesamter Körper in einer Art ‚Evolution’. Nach einigen Stunden tritt bereits die nächste Form der Krankheit auf.“ – Sie deutete auf das Bild in der Mitte. „In dieser Phase treten bereits die entscheidenden Veränderungen auf. Der Stoffwechsel des Opfers funktioniert nicht mehr richtig, was dazu führt, das der Betroffene dringend Blut benötigt. Zudem scheinen sich seine Hautpartikel derart zu sensibilisieren, das sie der direkten Einwirkung der Sonne nicht mehr standhalten können. Sie würden schlicht und ergreifend verbrennen. In dieser Phase geht eigentlich auch noch keine Gefahr von ihnen aus. Die Verwandlung schwächt sie einfach zu sehr.“, erklärte Irene so verständlich wie möglich. Sie holte noch einmal tief Luft und deutete dann auf das Bild des Abaddon.
„Die letzte Phase der Verwandlung ist dann die gefährlichste. Auch wenn es sehr merkwürdig klingen mag, doch bevor sich der Körper beginnt zu verändern, sterben die Opfer ohne es selbst wahrzunehmen. Die Verwandlung in einen Abaddon dauert nur wenige Minuten. In dieser kurzen Zeitspanne wächst der gesamte Knochenbau rapide an. Ihr Kraft nimmt sehr schnell um ein vielfaches zu, was sie extrem stark macht. Die Gliedmaßen werden gut doppelt so groß. An den Händen bilden sich messerscharfe Krallen. Ihr Gesicht wird länger und ein scharfes Gebiss kommt zum Vorschein. Einer der auffälligsten Punkte sind die blutroten und leuchtenden Augen. Wieso und warum sie sich verändern weiß ich leider nicht. Doch eine der wichtigsten Veränderungen ist, was Aeonus bereits angesprochen hatte, dass sich unter der Haut dicke Panzerplatten bilden. Diese Platten machen sie an den meisten Körperstellen praktisch unverwundbar. Daher mein Rat an euch, falls ihr auf einen Abaddon trefft: Sucht schnell das weite und wartet den Sonnenaufgang ab!“
Abraxasar nickte und blickte in entsetzte Gesichter. „Wir werden euch nun einen Moment alleine lassen. Ich bin sicher, dass die letzten Minuten sehr schwer zu verstehen waren.“, sagte Abraxasar und stand von seinem Stuhl auf. Zusammen mit Irene verließ er den großen Raum und ließ seine Mitglieder zurück. Niemand wagte es ein Wort zu sagen. Alle schauten leer in der Gegend herum, versuchend einen Reim auf alles zu finden.
