Dreizehn Siegel - Eine Gilde der Allianz in der Festung der Stürme

Dreizehn Siegel Allianz Gilde

Kapitel 14 – Das Erwachen

„Die Drachen haben die östlichen Königreiche vollständig eingenommen.“ Ein riesiger Saal gefüllt mit etlichen Leuten, vertieft in ein hitziges Gespräch über die Ereignisse in Azeroth.  „Wie konnte es nur soweit kommen… ich hätte diese Geschehnisse erkennen müssen.“, sprach eine Stimme aus einer der hinteren Ecken des Saals. „Ich weiß es nicht, Aeonus. Ich denke, die Zeit ist Unberechenbar. Auch als ein Hüter bleibt dir nichts anderes übrig als den Verlauf so hinzunehmen.“, antwortete eine andere, deutlich hellere Stimme. Aeonus und Gimply, Anführer der Dreizehn Siegel, eine Untergrundbewegung gegen die anhaltende Terrorherrschaft des schwarzen Drachenschwarms.
Gimply seufzte. „Seit dem Kampf im Hügelland hat sich so viel verändert. Vidsyn’s tot hat auch unser Schicksal besiegelt.“ – Abraxasar schmunzelte leicht. „Kaum zu glauben, das es schon ein Jahr her ist, das Vidsyn gegen Nefarian antrat. Doch glaube ich nicht, das Vidsyn nicht mehr unter uns weilt.“ Wieder seufzte der Gnom. „Ich hoffe es. Doch haben wir seit dem Kampf kein Lebenszeichen mehr von ihr bekommen. Langsam schwindet meine Hoffnung, Abraxasar.“
Abraxasar legte eine Hand auf Gimply’s Schulter und schaute der Diskussion in der Mitte des Saales zu. „Wir sollten gehen, bei dieser unnützen Diskussion können wir nicht helfen.“, sagte Abraxasar. Gimply nickte ihm zu und so verließen die beiden den Saal durch eine riesige Holztür.

Leichte Sonnenstrahlen empfangen die beiden Magier außerhalb des Gebäudes. Darnassus, die neue Hauptstadt der Allianz. Seit Monaten plant die Allianz von dort aus einen Angriff gegen die östlichen Königreiche, doch sind ihre Mittel sehr begrenzt. Ein Großteil der Soldaten und Zivilisten sind bei der Invasion der Drachen umgekommen.
„Wie laufen die Verhandlungen mit der Horde?“, meinte Gimply, während die beiden auf die Stadttore Darnassus’ zugingen. „Thrall hat uns seine Hilfe zugesichert. Kaum zu glauben, das sie die Drachen mit Hilfe der Verlassenen zurückschlagen konnten.“ – „Ich halte nichts von der Vorgehensweise der Verlassenen. Mit ihrer ‚Geheimwaffe’ wagen sie sich auf sehr dünnes Eis.“, meinte Gimply zähneknirschend.
Abraxasar nickte stumm. Die Stadttore von Darnassus waren schwer befestigt. Dolanaar, ein Dorf vor den Toren Darnassus’, lag bereits in Schutt und Asche. Die Drachen griffen Teldrassil vor Monaten an, wurden aber mit vereinten Kräften der Allianz zurückgeschlagen. Seither fristen die Überlebenden eine eingeschlossene Existenz in Darnassus.
„Gimply, ich habe Raven auf die Suche nach Vidsyn entsandt.“, sprach Abraxasar plötzlich. Gimply schaute den Magier mit weit geöffneten Augen und entsetzten Blick an. „Du hast diesen Verbrecher auf dir Suche nach Vidsyn geschickt? Bist du wahnsinnig?!“ – „Momentan ist er unsere letzte Hoffnung. Er ist…“ Abraxasar schloss seine Augen und verstummte.
„Er ist was?“, hakte Gimply nach. „Er ist mehr als er zu sein scheint.“ – „Was meinst du damit? Und rede nicht wieder um den heißen Brei herum, ich habe es satt, ewig im Dunkeln zu stehen.“ Abraxasar seufzte. „Also gut… Vidsyn und Raven…“

Ein dunkler Schatten huschte durch die Ruinen der ehemaligen Hauptstadt der Menschen, Sturmwind. Die Stadt war ausgestorben, die meisten Gebäude bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Der Schatten bewegte sich ungewöhnlich schnell durch die verlassenen Straßen der Stadt. In der Altstadt angelangt stoppte die Gestalt plötzlich. Unter einer dunklen Kapuze verdeckt suchte sie die Gegend ab. An einer schmalen Seitengasse blieben seine Augen schließlich stehen. Wieder sprintete die Gestalt los, geradewegs in die Gasse. Am Ende des Weges war ein offener, großer Platz zu sehen. Seine Mitte zierte ein unscheinbarer Brunnen, doch schien dieser Brunner das Ziel der Gestalt zu sein. Vorsichtig näherte sie sich ihm und schaute in ein schier endloses Loch hinab. Ohne zu zögern machte der Vermummte einen Sprung auf den Rand des Brunnens und ließ sich fallen.
Nach einigen Sekunden des freien Falls landete er lautlos und unverletzt. Raven, ein gewissenloser und meisterlicher Assassine der ehemaligen SI:7.
Vor Raven erstreckte sich ein dunkler Gang. Die Wände der Kanalisation waren feucht und moderig, ein widerlicher Gestank lag in der Luft. Raven schloss seine Augen. „Ich bin bald da…“, murmelte er und sprintete los in die Dunkelheit.

Gimply sank zu Boden und schüttelte immer wieder ungläubig den Kopf.
„Ich kann mir vorstellen, dass dich diese Umstände mehr als verwirren. Ich selbst wusste nichts davon. Doch als ich Raven das erste Mal in die Augen sah… er ist es zweifellos.“, versuchte Abraxasar zu erklären.
„Also liegt die Zukunft Azeroths in den Händen von diesem Kerl.“, meinte Gimply und seufzte. „Nein.“, wandte Abraxasar ein. „Die Zukunft der unserer Welt liegt in den Händen von Vidsyn.“ Gimply hob den Kopf und schaute in den klaren Himmel. „Und was sollen wir jetzt tun?“, fragte Gimply ohne seinen Blick zu senken. „Leider bleibt uns momentan keine andere Wahl als hier in Darnassus zu bleiben. Unsere Aufgabe ist die Verteidigung der Allianz… und der Verteidigung Maladath’s.“
Gimply nickte und legte sich in das hohe Gras. Aufgrund seiner winzigen Größe verschwand er fast vollständig, was Abraxasar ein lautes Lachen entlockte. Murrend schloss Gimply seine Augen und dachte nach.

Raven hastete durch die verwinkelten Gänge der Kanalisation Sturmwinds. Er spürte es. Ein Gefühl, das er im Laufe der Jahre vergaß. Ein Gefühl der Nähe und Geborgenheit, er war nicht mehr weit entfernt. Aus der Ferne konnte Raven am Ende eines weiteren, düsteren Ganges ein helles Licht sehen. Sofort blieb er stehen und verschmolz mit den Schatten in seiner Umgebung. Vorsichtig tastete er sich vorwärts, seinen rechten Arm ließ er unter seinen Mantel verschwinden. Ein langes Schwert kam zum Vorschein, als er seinen Arm wieder heraus zog. Auf dem ersten Blick ein unscheinbares Schwert, doch zierte den Griff ein dunkel-leuchtender, roter Rubin. Über die gesamte Klinge erstreckte sich eine Art Rille, welche drei Öffnungen zur Schneide des Schwertes freigab.
Raven näherte sich dem hellen Licht, welches von mehreren Fackeln an der Wand ausging. Er hatte sein Ziel erreicht. Eine dicke Eisentür, mitten in der kahlen Kanalisationswand. Leise schlich er zur Tür. Er ließ das Schwert wieder unter seinem Mantel verschwinden und zog stattdessen einen golden schimmernden Dietrich heraus. Gekonnt und ohne Probleme öffnete er binnen Sekunden das mächtige Schloss der Eisentür. Vorsichtig und so leise wie möglich öffnete er sie.

Das vergessene Gefühl in Raven wurde stärker als er einen wahrlich gigantischen Raum betrat. Der Raum war hell erleuchtet und mehrere vermummte Gestalten waren zu sehen. Und auch ein gut zwei Meter großer Drachkin. Raven huschte schnell vom Eingang des Raumes in eine dunkle Ecke und sah sich um. Der Raum war rar an Deckungsmöglichkeiten, er würde wahrscheinlich nicht um einen Kampf herum kommen. Wieder verschwand seine Hand unter seinem Mantel, diesmal zog er zwei schwarze Dolche heraus. Beide so dunkel wie die Nacht, mit mehreren spitzen Zacken an den Schneiden. Am Ende des Raumes konnte Raven eine weitere Tür sehen, weitaus kleiner, aber sehr viel massiver als die Eisentür am Eingang. Einige Alchimietische und Kisten standen daneben. Einer der vermummten Gestalten saß an einem der Tische und las ein Buch, wahrscheinlich ein Magier oder Hexenmeister. Raven sah sich erneut im Raum um. Es waren viele, doch würde er so kurz vor seiner Erlösung nicht versagen. Raven verdeckte sich wieder vollständig mit seinem Mantel und hielt die beiden Dolche fest in seinen Händen. Ein letztes Mal atmete er tief durch, dann verließ er seine schützende Position und stürmte auf eine der Gestalten zu. Ein Schrei, ein wahrer Blutsturz, dann sackte die Gestalt in sich zusammen. Langsam zog Raven den Dolch aus seinem Opfer und grinste. „Unwürdig.“ Er fuhr mit seiner Zunge die Klinge des Dolches entlang und genoss den Geschmack des Blutes. „Wie ich mir dachte…“ Der Drachkin stand einige Meter vor Raven, mit einer gewaltigen Hellebarde in seinen Klauen. Raven ließ seine Dolche in den Hände drehen und wartete auf den Angriff des Drachkin.

Gimply, der in ein Buch vertieft war, wäre fast vom Stuhl gefallen, als Abraxasar erschrocken aufsprang. „Verdammtnochmal, was ist denn jetzt los?“, fluchte der Gnom. „Sie kommen.“ – Gimply riss die Augen auf.
Abraxasar und Gimply hasteten aus einer kleinen Hütte in Darnassus.
„Gimply, geh zum Tempel und informier die anderen, das ein Angriff kurz bevor steht. Ich werde alle fähigen Kämpfer am Standtor versammeln, komm’ so schnell wie möglich nach!“, sprach Abraxasar schnell und verschwand dann vor Gimply’s Augen. Gimply tat, was ihm Abraxasar auftrug und machte sich so schnell er nur konnte auf den Weg zum Tempel des Mondes. Alle noch lebenden Anführer und Kommandeure der Allianz bezogen den Tempel als Basis für alle weiteren Aktionen gegen die Drachen.
Der kleine Gnom betrat den gigantischen Tempel und brüllte „Es geht los!“

Raven versenkte seine Dolche tief in der festen Haut des Drachkin. Mit großem Gebrüll brach das Geschöpf unter den Schmerzen zusammen. Mit Verachtung zog Raven die Dolche aus dem Brustkorb des Drachen und packte ihn am Hals. Der Drache rang nach Luft, doch mehr als Blut entrann nicht seinem sterbenden Körper. Raven drückte seine Hand zu. Ein ekliges knacken war zu hören, dann fiel der tote Körper des Drachkin zu Boden.
Einige der vermummten Gestalten postierten sich zitternd vor der Tür, welche Raven als Ziel auserkoren hatte.
Gelassen ging er auf seine Gegner zu und wischte das Drachenblut von seinen Dolchen.
„Du begehst einen großen Fehler!“, brüllte einer der Gestalten plötzlich zu Raven. Doch mehr als ein grinsen gab er nicht zur Antwort.
„Der Schlaf darf nicht unterbrochen werden! Wir werden sonst alle sterben!“
Noch bevor die Gestalt ein weiteres Wort sprechen konnte, bohrte sich ein Dolch Raven’s in seinen Rücken. Die Gestalt gurgelte unverständlich Worte, Unmengen an Blut traten aus der Wunde aus. Die anderen Gestalten nahmen rasch Abstand und richteten verschiedenste Waffen auf Raven.
Langsam zog er seinen Dolch wieder aus der Gestalt und riss ihm die Kapuze herunter. Wie Raven bereits vermutete. Diese Gestalten waren infiziert und vollkommen entstellt. Infiziert mit einer unheilbaren Krankheit. In den meisten Fällen bewirkt diese Krankheit eine unkontrollierte Mutation, welche erhöhte Kraft und Ausdauer verschaffte. Doch wurden auch alle niederen Instinkte verstärkt, zudem veränderte sich ihr Äußeres zu widerlichen, riesigen Monstern. Mutierte hatten nur noch ein Ziel in ihrem Leben, das ausrotten jeglichen Lebens und der niemals aufhörende Durst nach Blut. Viel war über diese Krankheit nicht bekannt, doch war es wahrscheinlich, dass die Verlassenen oder die Hexenmeister Nefarian’s an dieser Epidemie schuld waren. Doch im Falle dieser Wesen war die Krankheit nicht vollständig ausgebrochen. Bloß der Drang nach Blut und die leichte Veränderung des Äußeren.

Raven griff die übrig gebliebenen Infizierten an und verursachte innerhalb von Sekunden ein wahres Blutbad. Zu schnell für das menschliche Auge bewegte er sich. Ein Körper nach dem anderen sackte in sich zusammen. Erneut huschte Raven ein grinsen über sein Gesicht. Er ließ seine Dolche wieder unter seinem Mantel verschwinden und wandte sich nun der massiven Tür zu. So schnell würde er sie nicht aufbekommen, doch war er kurz vor seinem Ziel. Wieder kramte er aus seinem Mantel einen Dietrich heraus und begann seine Arbeit. Zu seinem entsetzen brach der Dietrich bereits nach einigen Sekunden ab. „Verdammt…“, murmelte er. Zu seinem Glück hatte er noch einen Dietrich dabei, allerdings sein letzter. Er atmete tief durch, steckt ihn in das Schloss und legte seinen Kopf an die Tür. Langsam bewegte er den Dietrich hin und her. Ein leises knacken, dann noch eines. Wenige Sekunden später öffnete sich tatsächlich das Schloss. Erleichtert ließ er den Dietrich wieder verschwinden und öffnete die Tür.
Ein dunkler Raum lag vor ihm. In der Mitte des Raumes war, auf einem Stein liegend, ein riesiger Kokon aufgebahrt. Raven’s Herz begann zu rasen. Er hatte es geschafft. Nach Jahren des vergeblichen Suchens, endlich am Ziel angelangt. Er war Abraxasar zu Dank verpflichtet, denn ohne seinen Hinweis, hätte Raven noch weitere Jahre ohne Erfolg gesucht.
Langsam trat er an den riesigen Kokon heran. Er zog das seltsame Schwert aus seinem Mantel und hielt es fest in seiner Hand. Ohne noch weiter zu zögern, wollte er ihren Schlaf beenden. Er hob das Schwert weit über seinen Kopf und ließ es durch den Kokon gen Boden schnellen.

Raven machte einige Schritte zurück und legte das Schwert neben sich auf den Boden. Er selbst kniete sich neben das Schwert. Der Kokon riss geradewegs von der Oberseite bis zum unteren Ende. Er ließ seinen Kopf zum Boden sinken und wartete. Langsam öffnete sich der Kokon und ein Wesen fiel aus seinem Inneren auf den kalten Boden. Völlig unbekleidet und mit langen Haaren, die bis zu ihren Füßen reichte. Raven hob seinen Kopf und sah das Wesen vor sich auf dem Boden liegen. Schnell ging er zu ihr und kniete sich neben ihren Kopf. Er zog einen seiner Dolche aus dem Mantel und schnitt sich in die Handfläche. Blut quoll aus der Wunde. Mit der freien Hand stützte er den Kopf des Wesens und hielt ihr seine blutende Hand vor den Mund.
„Trink… Vidsyn.“


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