Kapitel 13 – Das neue Zeitalter
„Was hast du hier getan?“, zischte die Schurkin ihrem Vater entgegen. Nefarian ging mit einem boshaften Grinsen auf Vidsyn zu. „Es war an der Zeit einen Machtwechsel in diesem Dorf einzuleiten. Nur zu Schade, das sie sich meiner Autorität widersetzt haben und den qualvollen Tod wählten.“
Vidsyn biss ihre Zähne zusammen und ballte ihre linke Hand zu einer Faust. „Du verdammtes Monster… nie wieder wirst du solch ein Blutbad anrichten.“ – Nefarian lachte. „Und wer soll das verhindern? Du etwa? Du bist meine Tochter, geboren aus dem Hass meines Herzens. Nie wirst du dein eigen Fleisch und Blut vernichten können.“
„Sei still!“, brüllte Vidsyn plötzlich Nefarian entgegen. „Sei… still!“ Die Schurkin sank auf die Knie und hielt sich ihren Kopf fest. Die Alptraumklinge fiel mit einem lauten klirren auf den Boden neben die Schurkin. Nefarian hob eine Augenbraue und schaute verachtend auf seine Tochter herab. Vidsyn atmete schwer, weiter ihren Kopf haltend.
Gimply und Boomy schauten sich das Schauspiel an, mehr verwirrt als verängstigt. „Sollten wir nicht lieber abhauen?“, flüsterte Boomy dem Magier ins Ohr. „Ich lasse Vidsyn nicht alleine.“, gab er entsetzt zurück und schaute der Gnomin in die Augen. „Wenn wir hier bleiben könnten wir aber auch drauf gehen.“ – „Dann soll es so sein.“ Boomy schluckte und Gimply wandte sich wieder Vidsyn und Nefarian zu. Gimply riss seine Augen auf und schaute entsetzt zu der Schurkin. Die selbe dunkle Aura umfang Vidsyn, welche auch schon im Turm von Theramore zu sehen war.
„Was zur Hölle?“, platzte es aus Boomy heraus, als sie diesen dunklen Schimmer sah.
Vidsyn fiel mit ihrem Oberkörper nach vorne und stützte sich mit ihren Händen am Boden ab. Die Dunkelheit um sie herum wurde intensiver und größer. Nefarian machte einige Schritte zurück. „Lass deinem Hass freien Lauf, meine Tochter. Spüre die Macht des schwarzen Drachenschwarms in dir!“, sprach er gelassen zu Vidsyn.
Plötzlich formten sich auf Vidsyn’s Rücken zwei kleine Buckel. Die beiden Gnome erschraken. „Ja, das ist der richtige Weg!“, sprach Nefarian erneut und blickte mit Freude zu Vidsyn herab. Doch entgegen seiner Erwartung blieb die Verwandlung zu einem Drachen bei Vidsyn aus. Der Boden um die Schurkin fing an zu vibrieren, eine unglaubliche dunkle Macht ging von ihr aus. Wie aus dem nichts riss ihre Rüstung an der Stelle, wo diese seltsamen beiden Buckel zu sehen waren und zwei riesige Flügel breiteten sich aus. Und dann, wenige Augenblicke später, verschwand die Schurkin vor den Augen aller Anwesenden. Nefarian ging erneut einige Schritte zurück und schaute sich verwirrt um.
„Gimply… was geht hier vor sich?“, fragte Boomy mit einer ängstlichen Stimme. Der Magier schüttelte nur ungläubig den Kopf und suchte nach der Schurkin. Doch tauchte sich nicht wieder auf. „Hör auf dich zu verstecken!“, brüllte Nefarian plötzlich durch die verwüstete Stadt. Sein Blick wanderte zurück zu der Stelle, wo die Schurkin auf dem Boden kniete. „Was zur…“, brachte Nefarian heraus, als er sah, das die Alptraumklinge plötzlich verschwunden war. Kurz darauf spürte der Herrscher des schwarzen Drachenschwarms einen stechenden Schmerz im Rücken. Er brüllte kurz auf und drehte seinen Kopf so weit es ging nach hinten. Vidsyn stand hinter ihm, ihre Flügel weit ausgebreitet. Ihre mittlerweile blutroten Augen haben die Form eines Drachen angenommen, zwei furchterregende Schlitze schauten direkt in Nefarians Augen. Einen weiteren Ruck später durchbohrte die Alptraumklinge den Körper Nefarians komplett. Die Spitze des Schwertes ragte weit aus seinem Körper heraus. Vidsyn näherte sich Nefarians Kopf und flüsterte ihm etwas ins Ohr. „Deine Zeit ist abgelaufen, Vater. Es wird Zeit, das der schwarze Drachenschwarm einen richtigen Führer bekommt.“ Mit einem kräftigen Ruck zog sie die Alptraumklinge wieder aus dem Körper ihres Vaters. Nefarian taumelte einige Schritte nach vorn und fiel dann auf seine Knie.
Die beiden Gnome blickten dem Schauspiel gebannt zu, doch konnten sie einfach nicht glauben, was sie dort sahen. „Boomy, vielleicht sollten wir doch gehen.“ – „Aber dieser Kerl ist doch so gut wie tot, warum sollen wir jetzt abhauen?“, hakte Boomy ungläubig nach. Gimply schüttelte den Kopf und wandte sich der Gnomin zu. „Wir müssen hier weg. Ich spüre eine unbeschreibliche Kraft von diesem Mann. Ich muss dir recht geben, wenn wir hier bleiben, sind wir tot.“ Boomy schluckte und nickte Gimply schließlich zu. „Aber wir müssen irgendwie Maladath mitnehmen. Das dämliche Pferd ist in Richtung des Piers abgehauen. Los jetzt und sei leise!“, fügte Gimply hinzu und ging hinter das schützende Haus. Boomy folgte ihm und versuchte so wenig Geräusche wie möglich in ihrer Plattenrüstung zu machen.
Vidsyn ging auf und ab, ließ ihren Blick aber nicht von Nefarian abschweifen. Noch immer kniete Nefarian am Boden und atmete schwer. Eine riesige Wunde klaffte auf beiden Seiten seines Körpers, jedes normale Wesen hätte schon längst tot sein müssen. Ein widerliches Lachen ging plötzlich von Nefarian aus. „Vidsyn… du hast etwas geschafft, was mir leider verwehrt bleibt.“ Die Schurkin blieb stehen und sah nun ihrerseits verachtend auf Nefarian herab. „Du hast… eine Möglichkeit gefunden, deine drachische Kraft mit der deines menschlichen Körpers zu verbinden.“ Vidsyn grinste unter ihrer Maske. „Doch…“, fing Nefarian an zu sprechen. „Diese Kraft wird dir nichts nützen. Ich bin der Herrscher der Drachen, der Sohn des Deathwing, ich lasse mich von niemanden besiegen!“, brüllte Nefarian und weitete seine Arme aus.
Der Boden bebte und eine Explosion aus dunkler Energie ging von seinem Körper aus. Vidsyn sprang einige Meter zurück und nahm eine defensive Haltung ein. Ihre Flügel breiteten sich weit aus, die Alptraumklinge fest in ihrer Hand.
Langsam formte sich Nefarians Körper zu einem Drachen. Aus seinen Händen wurden gewaltige Klauen, ein gigantischer Schweif bildete sich und Nefarian nahm immer weiter an Größe zu.
Vidsyn beobachtete ihren Schöpfer sehr genau, biss allerdings ihre Zähne zusammen.
Wenige Augenblicke später schloss Nefarian seine Verwandlung ab und stand nun erneut als riesiger, schwarzer Drache vor Vidsyn.
Die beiden Gnome bekamen das ganze Schauspiel vom Pier Süderstades durchaus mit. Das beben der Erde würde wahrscheinlich bis ins Sumpfland zu spüren sein. „Wir sollten uns langsam beeilen, Boomy. Das Pferd ist dort vorne bei den Murlochütten.“, sagte Gimply und deutete auf eben jenes Pferd, wenige hundert Meter entfernt am Strand. „Ich kümmere mich um die Fischköpfe, besorg du das Schwert.“, meinte Boomy und zog ein ‚großes’ Einhandschwert aus einer ‚Seitentasche’ ihrer Hose. Gimply konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, als er Boomy’s zu kurz geratenen Zahnstocher sah. „Dann los.“, meinte er schließlich.
Boomy stürmte los. Für eine Gnomin in Plattenrüstung war sie außergewöhnlich schnell. In kurzer Zeit erreichte sie bereits die Hütten der Amphibien und zerteilte sie mit gekonnten Schwüngen in verschiedenste Teile.
Gimply nahm sich währenddessen das Pferd vor. Er stieg mehr schlecht als recht auf das große Pferd und vergewisserte sich das Maladath noch an Ort und Stelle war. „Boomy, komm jetzt, wir sollten langsam verschwinden.“, sagte Gimply und zeigte auf eine riesige, schwarze Wolke die über Süderstade hang. „Ja ja…“, gab Boomy ein wenig enttäuscht zurück und riss einen letzten Murloc in Stücke. Ein wenig unbeholfen bestieg nun auch Boomy das Pferd. „Wir müssen zurück nach Dalaran. Ohne Vidsyn haben wir keine Chance zum Altar der Stürme zu kommen. Ich hoffe das Abraxasar mal wieder eine Lösung auf das Problem weiß.“, erklärte Gimply und ritt los. Boomy saß stillschweigend hinter ihm und starrte auf die Rauchwolke hinter sich.
„Du kämpfst unfair, Vater.“, sagte Vidsyn und schlug sich Ruß von ihrer Rüstung. Mehrere Häuser standen lichterloh in Flammen. Ein tiefes Lachen ging von Nefarian aus. Majestätisch saß der gewaltige Drachenkörper auf der Spitze des Rathauses und blickte auf die Schurkin herab. „Es wird Zeit diesen Kampf zu beenden.“, grollte der Drache Vidsyn entgegen. Erneut ging die Schurkin in eine defensive Haltung, die Alptraumklinge vor sich haltend. Nefarian sprang von dem riesigen Gebäude ab und flog hoch in den Himmel. Durch den heftigen Abstoß Nefarians gab nun auch das Rathaus nach und brach mit lautem Getöse in sich zusammen.
Nefarian atmete tief ein. Vidsyn riss ihre Augen auf und schaute sich schnell nach einer Deckungsmöglichkeit um, doch viel stand nicht mehr in Süderstade. Plötzlich stand der gesamte Himmel über Vidsyn in Flammen. Sie verengte ihre Augen zu Schlitze und schaute zu ihrem Vater.
Die Gnome, welche mittlerweile einen guten Kilometer abstand gewinnen konnten, machten abrupt halt und schauten entsetzt in Richtung Süderstade. Eine unglaublich riesige Flammenwand raste direkt auf das kleine Dorf hinab. „Vidsyn!“, brüllte Gimply und machte eine schnelle Wendung mit dem Pferd. Wenig später ritten die Gnome so schnell sie konnten zurück, die Flammenwand nicht aus den Augen lassend.
Sekunden wurden zu Minuten, eine unheimliche Stille lag in der Luft. Nur das traben des Pferdes war zu hören. Eine seltsame Leere machte sich in Gimply’s Körper bemerkbar.
Dann erhellte ein gleißender Blitz die Vorgebirge des Hügellandes. Die Gnome rissen die Arme hoch und schützten ihre Augen. Augenblicke später wurde das Ausmaß der Katastrophe sichtbar. Ein Kilometer hoher Feuerball hang über Süderstade. „Was hat dieses Ding geta…“, fing Boomy an zu sprechen, wurde allerdings von der Druckwelle der Explosion unterbrochen. Gimply und Boomy wurden unsanft von ihrem Pferd gerissen, landeten noch unsanfter auf dem Boden der Tatsachen und blieben benommen liegen.
„Vidsyn…“, murmelte Gimply, kurz danach wurde es Schwarz vor seinen Augen.
Nefarian betrachtete sein Werk der Zerstörung. Von Süderstade war nichts mehr übrig. Dort, wo einst das Dorf stand, klaffte nun ein riesiger Krater. In der Mitte des Kraters lag Vidsyn. Ihre Flügel waren wieder verschwunden, sie hatte in der Bewusstlosigkeit wieder ihre menschliche Gestalt angenommen.
Langsam sank Nefarian zurück auf den Boden und landete direkt neben der Schurkin im Krater. „Du hattest die Wahl, meine Tochter. Doch ist dein Leben noch nicht verwirkt, du sollst noch eine Chance bekommen.“, sprach der Drache mit erhabener Stimme. Mit einer seiner gewaltigen Klauen packte er die Schurkin und schwang sich erneut in die Luft.
Mit Vidsyn in seiner Gewalt machte sich Nefarian auf den Weg in die brennende Steppe. Die noch immer bewusstlose Schurkin hatte nun eine ungewisse Zukunft vor sich, in der Gefangenschaft ihres Vaters.
