Kapitel 12 – Grausames Wiedersehen
Im Galopp näherte sich die kleine Gruppe dem Rande der Barriere. Und tatsächlich, dort wo der gepflasterte Weg aufhörte, schien es einen Weg aus der Kuppel zu geben. Vidsyn gab ihrem Pferd plötzlich die Sporen und preschte mit Tempo direkt auf die Barriere zu. Sie kniff die Augen zusammen und betete, dass sie an der richtigen Stelle sei. Und tatsächlich, kurze Zeit später fand sich Vidsyn in Alterac wieder. Sie atmete tief durch und wartete auf ihre kleinen Begleiter. Wenig später trafen dann auch die Gnome endlich ein.
„Also gut. Dann lasst uns jetzt nach Süderstade reiten. Und ein bisschen schneller bitte.“, meckerte Vidsyn. „Ja ja… was willst du da eigentlich?“, fragte Gimply, mal wieder sichtlich genervt, nach. „Im Optimalfall können wir dort unsere Reise erleichtern.“ – „Ein Schiff…“, sagte Gimply und seufze, jetzt fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. „Aber das Schiff könnte höchstens bis nach Menethil fahren und da können wir genauso gut hin reiten.“ Vidsyn grinste unter ihrer Maske. „Wer sagt denn dass wir nach Menethil fahren? Sturmwind ist doch auch ganz nett.“, sagte Vidsyn gelassen. „Sturmwind? Was willst du da? Wahrscheinlich ist davon eh nichts mehr übrig.“
Bei diesem Worten schluckte Vidsyn. Noch immer hatte sie die verzweifelte Hoffnung, dass Sturmwind nicht gefallen sei. „Vielleicht gibt es noch Überlebende. Außerdem ist die brennende Steppe nur einen Katzensprung von Sturmwind entfernt. Ich glaube auch das der Seeweg ein bisschen sicherer sein könnte.“, erklärte Vidsyn, nicht mehr grinsend unter ihrer Maske. Gimply gab sich schließlich kopfschüttelnd geschlagen.
Im Eiltempo ritt die kleine Gruppe durch die Vorgebirge des Hügellandes. Die Felder des Hügellandes bereits hinter sich gelassen, bot sich Vidsyn ein scheußliches Bild. Dunkle Rauchschwaden hingen über Süderstade, überall roch es nach Blut und Tot. Vidsyn zügelte ihr Pferd und stieg ab. Gimply, der nun auch eintraf, war alles andere als erfreut über die brennende Stadt. Doch als er Vidsyn sah, die mit der Alptraumklinge in der Hand auf die Stadt zumarschierte, sprang er von seinem Pferd und rannte hinterher. „Bist du verrückt?! Was hast du vor?“, rief er der Schurkin hinterher. „Bleib bei Maladath und Boomy, ich bin sofort zurück.“, gab die Schurkin als Antwort und verschmolz mit den Schatten. „Ziemlich seltsam dieser Mensch.“, sagte Boomy gelangweilt vom Rücken des Pferdes. „Sei still.“, zischte Gimply zurück und tat was Vidsyn sagte.
Vidsyn war erstaunt, wie flüssig ihre Bewegungen in der Verstohlenheit waren. Zweifellos lag es an der Rüstung der Knochensense. Vorsichtig schlich sie durch die Überreste von Süderstade. Immer wieder sah sie übel zugerichtete Leichen. Langsam wurde Vidsyn ein wenig mulmig im Bauch. Am Rathaus angelangt, konnte Vidsyn zwei große Drachkin-Soldaten sehen. Die beiden schienen allerdings ziemlich schlecht ausgerüstet zu sein, da sie außer einem Wappen, nur stumpfe Schwerter in den Klauen hielten. Die Schurkin schlich vorsichtig an die Drachen heran, die Alptraumklinge fest in der Hand.
Mit einem schnellen Hieb aus der sicheren Deckung heraus, trennte die Schurkin einem Drachkin den Kopf vom Rest des Körpers. Leblos sackte der geschundene Körper zusammen. Erschrocken, aber dennoch Wutentbrannt stürmte der übrig gebliebene Drache auf die wieder sichtbare Schurkin zu. Vidsyn blieb fest auf der Stelle stehen und wartete ab. Wenige Meter bevor der Drachkin sie hätte angreifen können, rannte Vidsyn auf ihn zu und rollte geschickt unter den großen Körper hindurch. Während sie unter dem Drachen war, stach sie die Alptraumklinge direkt in den Bauch des Drachen. Als sich die Schurkin wieder aufrichtete, lag der zweite Drachkin bereits verblutend am Boden. Vidsyn atmete schwer. Noch nie hatte sie auf so bestialische Art ein Wesen getötet. Doch… machte es ihr auf eine gewisse Art und Weise Freude diese Drachen leiden zu sehen.
Der noch zuckende Drachenkörper würde wahrscheinlich nicht mehr lange mit Leben erfüllt sein, also ging sie auf ihn zu und packte den Drachkin am Hals. Durch ihre ‚wahre’ Gestalt verstand Vidsyn nun sehr gut die Sprache der Drachen, was sie nun das erste Mal nutzen könnte. „Wie weit ist euer jämmerlicher Schwarm vorgedrungen?“, sagte sie mit erhabener Stimme. Der Drachkin schaute ihr leer in die Augen, formte dann aber doch noch einige abgehackte Worte. „Wir… verzehren… diese Welt… Wald und… Eis… brennen…“
Kaum das letzte Wort ausgesprochen, entfleuchte dem Drachen das letzte Fünkchen Lebenskraft. Vidsyn wusste genau was der Drache meinte. Mit Tränen in den Augen schlug sie auf das tote Wesen ein. Immer und immer wieder.
Von der Warterei noch mehr genervt kam Gimply mit seinem Anhängsel in die leere Stadt getrabt. Immer wieder schüttelte er nur ungläubig den Kopf, als er aufgespießte oder bis zur Unkenntlichkeit verstümmelte Menschen sah. Selbst Boomy war von diesem Anblick entsetzt und klammerte sich an Gimply Körper.
Plötzlich sah der Gnom die Schurkin auf den Drachen einschlagen. „Warte hier mit den Pferden, Boomy!“, brüllte er seiner Begleiterin entgegen und sprang vom Pferd. So schnell er konnte rannte er zu Vidsyn und versuchte sie vom Drachen wegzuzerren. „Vidsyn! Beruhige dich! Was ist los?!“, fragte er, während er die Schurkin weiter vom toten Körper des Drachen wegzog. Vidsyn sackte zusammen und fing bitterlich an zu weinen. Gimply wusste nicht was er tun sollte, also tat er das, was für ihn absolut untypisch war. Er nahm Vidsyn in den Arm, sofern das bei seinen kurzen Armen möglich war und versuchte sie zu beruhigen.
Immer wieder setzte Vidsyn zum Sprechen an, doch wurde sie von schluchzen unterbrochen.
Boomy stieß nun auch zu den beiden und sah angewidert auf die beiden toten Drachen.
Endlich schien sich Vidsyn ein wenig zu beruhigen. „Wald und Eis… brennen. Diese verdammten Drachen haben Elwynn und jeden der dort lebte getötet!“, platzte es plötzlich aus der Schurkin heraus. Gimply weitete seine Augen. „Wald und Eis? Also… auch Dun Morogh.“, sprach er Ungläubig. Nun wurde auch Boomy hellhörig. „Bitte was?“, fragte sie entsetzt.
„Ich… kann das nicht. Ich will nicht mehr!“, sprach Vidsyn verzweifelt. „Dieser Alptraum nimmt einfach kein Ende und dieses dämliche Schwert kann uns auch nicht helfen!“
Gimply und Boomy standen ratlos neben der noch immer am Boden knienden Schurkin. Plötzlich schnellte Vidsyn’s Kopf nach oben. Sie blickte zum Stadteingang und umklammerte die Alptraumklinge fest.
„Was ist?“ – „Da kommt jemand… sehr schnell.“, erklärte die Schurkin und sah sich rasch nach einer guten Deckung um. Eine dunkle Hauswand samt einigen heil gebliebenen Büschen sah recht attraktiv aus. Sie packte Gimply am Kragen und schleifte ihn schnell zu einem der Büsche. Boomy folgte so schnell sie in ihrer Plattenrüstung nur laufen konnte. „Bleibt in den Büschen.“, flüsterte sie den Gnomen zu. Gimply rieb sich am Hals und tat, erneut, was die Schurkin ihm sagte.
Minuten vergingen und nichts geschah. Gimply wurde langsam ungeduldig. „Kann es sein das du…“, setzte der Gnom an, wurde aber durch eine deutliche Geste von Vidsyn wieder zum Schweigen gebracht.
Und tatsächlich, wenig später konnten die Gnome ebenfalls Geräusche hören. Es hörte sich stark nach dem Traben von Pferden an. Vorsichtig lugte Vidsyn um die Ecke des Hauses und konnte zwei Pferde entdecken. Doch nicht irgendwelche Pferde. So genannte Gorgonen, brennende Pferde die den schlimmsten Alpträumen entsprangen.
Vidsyn erschrak innerlich als sie eine der Personen erkannte. Ihr Herz entflammte förmlich, eine unglaubliche Wut stieg in ihr auf. Der Griff um die Alptraumklinge wurde stärker. Gimply schaute sich verwirrt um, als er eine seltsam pulsierende Energie wahr nahm. Doch als er merkte, dass diese Energie von Vidsyn ausging, fiel ihm bald der Mund offen. Die durch die Maske der Knochensense bläulich leuchtenden Augen verloren ihren alten Glanz und nahmen immer mehr eine blutrote Farbe an. Gimply ging einige Schritte zurück und sah Vidsyn entsetzt an.
Wie aus dem Nichts rannte Vidsyn plötzlich auf die beiden Reiter zu. „Vidsyn!“, rief ihr Gimply hinterher, doch rannte die Schurkin einfach weiter. Die beiden Gnome wagten einige Schritte nach vorn und schauten ihrerseits nun um die Ecke des Hauses.
Die beiden Reiter blickten der Schurkin fast schon gelangweilt entgegen. Vidsyn nahm noch weiter Tempo zu. Wenige Meter vor einem der Reiter sprang sie in der Luft und verschwand vollständig. Nun waren auch die Unbekannten sichtlich verwirrt.
Nichts geschah, eine beängstigende Stille lag über Süderstade. Die Unbekannten blickten sich um, niemand war zu sehen. Gimply und Boomy wussten auch nicht was vor sich ging.
Doch dann, wie aus dem nichts, schnellte die Alptraumklinge auf einen der Reiter zu und riss ihn unsanft von seinem brennenden Pferd. Wie ein nasser Sack viel er zu Boden und blieb regungslos liegen. Das Pferd nahm Reißaus und verschwand hinter dem zugerichteten Rathaus von Süderstade.
Der übrig gebliebene Reiter schien ziemlich unbeeindruckt zu sein. Gemächlich stieg er von seinem Gorgonen ab und blickte der Schurkin in die Augen. Nun erkannte auch endlich Gimply wer dort stand. Nefarian, der Herrscher des schwarzen Drachenschwarms und Vidsyn’s Vater.
Eine dunkle Aura ging von der Schurkin aus. Entschlossen stand sie vor Nefarian und hielt die Alptraumklinge fest in ihrer Hand. „Meine Tochter, so schnell trifft man sich wieder…“
