Kapitel 10 – Klinge des schwarzen Drachenschwarms
Vidsyn kullerten Tränen die Wange entlang, als sie die Worte Abraxasar’s hörte. Ansirem sank auf einen der zahlreichen Stühle und rieb sich die Schläfe. „Nun ist es also endlich gesagt, Aeonus. Was gedenkst du nun zu tun?“, fragte Ansirem nach.
„Dalaran wird nicht lange sicher sein. Nefarian wird zweifellos seine Drachen in alle Himmelsrichtungen entsenden um die östlichen Königreiche zu unterwerfen.“, sprach er und löste langsam seine Umarmung von Vidsyn. Die Schurkin näherte sich langsam der noch im Schrank hängenden Rüstung und sah sie mit verweinten Augen an. „Ich muss mich jetzt allerdings erst um die Überlebenden von Seenhain kümmern. Ansirem, macht für den Notfall die Portale nach Darnassus bereit.“, fügte Abraxasar hinzu. Der Erzmagier nickte und die beiden Männer verließen den wahrlich gigantischen Turm.
Währenddessen, einige Meter weiter, wetterte Gimply ausgelassen über die momentane Situation. „Diese verdammten Drachen machen nur Probleme. Wenn die wirklich Sturmwind eingenommen haben, wird auch Eisenschmiede nicht lange standhalten… Eisenschmiede! Und dann soll uns diese jämmerliche Stadt hier retten?“, prustete der Gnom Honigblume entgegen. „Gimply, hier sind wir aber vorerst sicher. Abraxasar wird bestimmt etwas einfallen…“, sagte sie unsicher. „Und wenn nicht? Wir sitzen hier wie auf dem Präsentierteller, eingesperrt in eine magische Kuppel die wahrscheinlich bei dem ersten Husten eines Drachen in sich zusammen fällt.“, gab Gimply zurück und verschränkte die Arme. Honigblume hielt sich ihre Hände an die Stirn und seufzte.
Vidysn stand noch immer wie entgeistert vor ihrer neuen Rüstung. Langsam hob sie ihren rechten Arm und streichte langsam über Maladath. Kaum hatte sie die Klinge berührt, durchfuhr ein stechender Schmerz ihren gesamten Körper. Vidsyn biss die Zähne zusammen und wollte ihr Hand wieder von dem Schwert lösen, doch war sie wie gelähmt. „Was… zur Hölle…“, stotterte sie und griff mit ihrem linken Arm an den rechten um ihn von Maladath zu lösen. Der Schmerz wurde immer intensiver. Vidsyn merkte förmlich wie ihr gesamter Körper unter diesem Zustand vibrierte. Sie kniff ihre Augen zusammen und hoffte, dass der Schmerz bald aufhören würde. Doch zu ihrem entsetzen ging ein dunkler Schimmer von Maladath aus, der sich wie eine Schlange um ihren rechten Arm wickelte. Vidsyn schrie. „Abraxasar! Was geht hier vor!?“, hallte es durch den riesigen Turm.
Wenige Augenblicke später umhüllte der ominöse Schimmer die gesamte Schurkin. So schnell wie dieser dunkle Schimmer kam, so schnell verschwand auch wieder. Vidsyn atmete schwer und konnte nun endlich ihren rechten Arm von Maladath lösen. Sie sank auf die Knie und blickte Leer drein.
Eher zufällig kam Gimply, mal wieder gestresst, am Turm vorbei, in dem sich noch immer Vidsyn befand. Die Tür stand einen Spalt breit offen, sodass er die zusammengesackte Schurkin sehen konnte. „Vidsyn?!“, rief er laut und rannte in den Turm. „Alles in Ordnung.“, krächzte Vidsyn heraus und stand wieder auf. Gimply hetzte zu Vidsyn, blieb allerdings wie versteinert stehen, als er die Rüstung und die beiden imposanten Schwerter im unscheinbaren Schrank sah. „Hab ich was verpasst?“, fragte er ungläubig und näherte sich der Ausrüstung. „Abraxasar hat mir diese Sachen gegeben. Doch… das rechte Schwert, dieses dunkle. Als ich es berührte durchzog ein extremer Schmerz meinen Körper.“, erklärte Vidsyn unsicher. Gimply hob eine Augenbraue und kratzte sich am Kopf. „Das Ding kommt mir bekannt vor. Irgendwo habe ich es schon mal gesehen.“, meinte Gimply und sah sich Maladath genauer an. „Das Schwert ist sehr mächtig.“, hallte plötzlich eine Stimme von außerhalb.
Abraxasar stand in der Tür und beobachtete die beiden. Gimply fuhr erschrocken zusammen und fluchte unverständliche Worte in Abraxasar’s Richtung.
Abraxasar ging zu Vidsyn und sah sich Maladath an. „Maladath sucht sich seinen Besitzer selbst aus. Ich gehe davon aus, das du es nicht so einfach nehmen konntest, richtig?“ Vidsyn nickte. Abraxasar seufzte und griff seinerseits nach dem Schwert. Zum Entsetzen der Anwesenden konnte er es mit Leichtigkeit aus der Halterung im Schrank entfernen. Er wuchtete das mächtige Einhandschwert auf einen großen hölzernen Tisch und hielt seine Hand einige Zentimeter über den Griff.
Minuten vergingen ohne dass etwas geschah. Abraxasar schüttelte den Kopf und zog seine Hand wieder zurück. „Ich kann diesen Schutzzauber leider nicht brechen. Doch gibt es noch eine weitere Möglichkeit um dieses Schwert für uns Nutzbar zu machen.“, erklärte er und setzte sich auf einen Stuhl. Gimply kratzte sich wieder am Kopf, was ein Zeichen von Verwirrtheit bei ihm zu sein schien. „Ist dieses Schwert wichtig oder warum willst du es unbedingt für uns ‚Nutzbar’ machen?“, fragte der Gnom.
„Maladath ist eines der wenigen Schwerter, die schwarze Drachen ohne große Mühe vernichten können. Natürlich kann man einen Drachen mit jeder beliebigen Waffe töten, doch dauert es wesentlich länger und ist bei weitem nicht so effektiv. Maladath wurde mit den lodernden Flammen der schwarzen Drachen geschmiedet und ist dadurch äußerst wirkungsvoll, um die Haut eines Drachen zu durchdringen.“, erklärte Abraxasar.
„Du hast etwas von einer anderen Möglichkeit gesagt.“, wandte Vidsyn ein. Abraxasar gefiel die ‚andere Möglichkeit’ nicht sonderlich, doch würde dieses Schwert noch eine wichtige Rolle spielen.
„Gimply, kennst du den Altar der Stürme?“, fragte Abraxasar den Gnom. Gimply nickte mit einem Stirnrunzeln. „Eine dunkle Macht wohnt dem Altar der Stürme inne. Mit der richtigen Zauberformel wird es dort möglich sein, das Siegel auf Maladath zu brechen. Doch kann Vidsyn diese Formel nicht aussprechen, ein Magier oder Hexenmeister muss das tun.“, sprach Abraxasar und schaute Gimply ernst an. „Worauf willst du hinaus?“ – „Du, Gimply, musst Vidsyn zum Altar der Stürme begleiten.“
Minuten später krachte die Tür des Turmes auf und Gimply stampfte nach draußen. Immer wieder hörte man ihn ‚Warum ich?’ fluchen. Vidsyn und Abraxasar blieben allerdings im Turm. „Vidsyn, erzähle niemandem wer ich wirklich bin.“ – „Natürlich.“, gab Vidsyn zurück. „Es tut mir Leid dich auf solch eine Reise schicken zu müssen… doch ist Maladath weitaus wichtiger als ihr es euch ausmalen könnt. Der Altar der Stürme liegt mitten in der brennenden Steppe, das Hoheitsgebiet der schwarzen Drachen. Ihr müsst sehr vorsichtig vorgehen.“
Vidsyn seufzte und blickte wieder die Lederrüstung im unscheinbaren Schrank an. Ihr rechter Arm schmerzte noch immer sehr, doch fühlte sie seit dieser Berührung eine ungewohnte Kraft in sich. „Die Alptraumklinge ist nicht mit solch einem Siegel belegt. Es ist bei weitem nicht so mächtig wie Maladath, doch kann auch die Alptraumklinge verheerenden Schaden anrichten. Setze es mit bedacht ein.“, sprach Abraxasar als er Vidsyn’s Blick zum Schrank sah. „Und diese Rüstung?“, fragte Vidsyn nach.
„Die Rüstung der Knochensense ist eine ganz spezielle Rüstung. Sie steigert sowohl die mentale als auch physische Schnelligkeit erheblich. Sie ist ganz für eine Person wie dich geschaffen worden. Du wirst den enormen Unterschied zu deiner jetzigen Rüstung sofort bemerken.“, erklärte Abraxasar erneut. „Also gut… lass mich bitte kurz alleine.“ – „Aber natürlich.“
Abraxasar verließ den großen Turm und ging zu den Überlebenden aus Seenhain. Vidsyn atmete tief durch und legte Teil für Teil ihre Lederrüstung ab. Nur mit ihrer Haut bekleidet stand sie nun vor dem Schrank und griff nach dem ersten Teil der Rüstung, die Beinkleider der Knochensense. Minuten später fehlte nur noch die unheimlich aussehende Maske der Knochensense. Vidsyn nahm sie in die Hand und blickte skeptisch hinein. „Na toll, wie soll ich mit dem Ding atmen? Da sind ja nicht mal Luftlöcher drin.“, meckerte sie in sich hinein. Schulterzuckend band sie sich die Ledermaske um den Mund und fühlte sofort eine ungewohnte Kraft in sich erwachen. Sie fühlte sich so stark wie nie zuvor, doch ein Blick in einen nahen Spiegel ließ sie erschrecken. Sie sah nun aus wie eine wahre Meuchelmörderin… mit hell-leuchtenden Augen. Nun fehlte nur noch ein Teil, die Alptraumklinge des grünen Drachenschwarms. Vorsichtig packte sie nach dem Griff des Schwertes und zu ihrem Erleichtern wurde sie nun nicht wieder von einem inneren Schmerz gegrillt. Das riesige Einhandschwert glitt aus der Halterung. Zu Vidsyn’s erstaunen war es Federleicht. Ohne Probleme schwang sie es durch die Luft. Mit der Alptraumklinge in der Hand verließ sie den Turm und traf vor der Tür Honigblume an. Die Priesterin unterhielt sich mit Gimply und bemerkte die Schurkin nicht. Umso mehr erschrak sie, als sie sich umdrehte und in die leuchtenden Augen der Schurkin sah. „Vidsyn?! Was hast du da an?“, fragte Honigblume entsetzt. „Das erkläre ich dir später. Wir brechen heute Abend auf Gimply, ich brauche noch ein wenig Zeit für mich.“, sagte Vidsyn und ging auf ein zerfallenes Haus zu. Gimply grummelte wieder vor sich hin und Honigblume wusste nicht was überhaupt los war.
Am späten Abend sollte die Reise zum Altar der Stürme also beginnen…
